Der nackte Gott und der verarmte Mensch

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel
Sonntag, 1. Oktober 2006



Vielleicht wird unser Jahrhundert einmal das Jahrhundert der Diebe genannt. Noch nie wurde so viel gestohlen wie in unseren Tagen! Nicht nur Autos, Fahrräder, Geld und Luxusartikel, sondern Ideen, Patente und geistiger Besitz. Die Wirtschaft kämpft einen vergeblichen Kampf gegen Raubkopien aller Art. Manche Länder verdanken ihren Wohlstand fast ausschließlich dem geistigen Diebstahl.

Kein Wunder, daß der Mensch geneigt ist, seinen Besitz zu sichern und zu schützen. Schnell einen hohen Zaun herumziehen, gespickt mit unübersteigbarem Stacheldraht, einen bissigen Hund auf das Gelände und ein großes Schild "Privat – Betreten verboten!" Doch Halt! "Privat" – dieses Wort ist verräterisch. In seinem ursprünglichen Sinn heißt es "geraubt". Was bedeutet das? Haben wir denn nicht ein Recht auf Privatbesitz, auf all das, was wir ererbt und redlich erworben haben?

Dagegen steht die so selten bedachte Allerweltsweisheit: "Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück." (Hiob1,21). Der große Bischof Ambrosius vermerkt: "Die Natur bringt nur Arme hervor..." Die Nacktheit wird bereits im ersten Buch der Heiligen Schrift beschrieben: dass der Mensch sich nach dem Sündenfall seiner Blöße bewusst wurde und alle möglichen Dinge zusammensuchte, um seine Nacktheit zu verbergen. Oft habe ich den Eindruck, dass Menschen nur deshalb so viel Besitz anhäufen – bis an die Grenze zum Herzinfarkt –, um damit ihre geistige und moralische Blöße zu bedecken.

In der Weihnachtsbotschaft ist ebenfalls von "Nacktheit" die Rede, nämlich von dem nackten Kind in der Krippe. In tausend Bildern und weihnachtlichen Szenen wird diese äußerste Armut Gottes dargestellt und von Menschen sogar bewundert. Der heilige Paulus kommentiert die Nacktheit Gottes mit dem berühmten Satz (hier sinngemäß übersetzt): "ER, der in allem Gott gleich war, hat diesen Reichtum nicht als seine 'Privat'-Sache (Raub) angesehen, sondern ER wurde nackt, um darin uns Menschen gleich zu sein" (vgl. Phil.2,6f). In eben dieser Nacktheit, gab der nackt-geborene Christus am Kreuz sein Leben in die Hände seines Vaters zurück.

Freiwillige Hingabe ist genau das Gegenteil von Diebstahl und eine wesentliche Eigenschaft der Liebe. Diese Kostbarkeit hatte der Mensch im Sündenfall verloren. Christus hat sie der verarmten Menschheit wieder zurückgebracht: "Er, der reich war, wurde unseretwegen arm, um uns durch seine Armut reich zu machen" (vgl. 2Kor.8,9). Wäre es nicht wunderbar, wenn eines Tages die Kommentatoren der Weltgeschichte einen Buchstabentausch vornehmen könnten, um unser Zeitalter nicht ein Jahrhundert der Diebe sondern ein Jahrhundert der Liebe zu nennen? Advent: sich vorbereiten auf ein neues Zeitalter der Liebe, - was für eine Gnadenzeit!

Was bringt das Neue Jahr? Neuigkeiten...?

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel
Sonntag, 1. Oktober 2006

 

Was ist ein "Neues Jahr": Ein nie da gewesenes Ereignis? Oder die verbesserte Neuauflage eines uralten Menschheitsdramas? Die Alten pflegen zu sagen: "Früher waren die Zeiten besser." Doch die Menschen begingen vor hundert Jahren dieselben Großtaten und Dummheiten wie heute. Zu allen Zeiten haben sie gelacht und geweint, an eine bessere Welt geglaubt und für ihr tägliches Brot gearbeitet, - sie haben Kriege geführt, Ehen gebrochen und Menschen gequält.

"Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne" – so steht es schon in einem Weisheitsbuch der Heiligen Schrift (Koh.1:9). Dieses Wort hat heute noch Gültigkeit, - mit einem Unterschied: die moderne Technik ermöglicht eine blitzschnelle Multiplikation von Ideen und Kräften aller Art. Mit einem Knopfdruck lassen sich elektronische Nachrichten weltweit verbreiten, mit einem Knopfdruck hundert Atombomben zünden. Im Zeitalter der Globalisierung droht eine nie erlebte Vermassung und Zerstörung der Menschheit. Die Möglichkeiten der Manipulation gehen ins Unendliche, zugleich die Möglichkeit, Seelen zu verderben und Leben zu vernichten.

Dieser Gefahr entspricht die ungeahnte Chance, die Gute Nachricht über alle verfügbaren Kanäle in die Welt hinaus zu verbreiten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in dem Wettlauf der Ideen die bösen Mächte immer schneller, findiger und erfolgreicher sind als die guten Geister. Schon Jesus sagt: "Die Kinder dieser Welt sind auf ihre Weise klüger als die Kinder des Lichtes" (Lk.16,8). Wo findet sich heute die spritzige christliche Presse, wo die professionelle kirchliche Rundfunk- und Fernseharbeit? Haben wir das Feld den Mächten des Bösen kampflos überlassen?

Das Vordringliche, das ein Christ heute braucht, ist eine klare Immunisierung gegen die Vergiftung und Vermassung des Denkens, ein kontrapunktischer Stil gegenüber einer konsumversklavten Gesellschaft. Hier gilt die Regel: nicht die Mehrheit hat Recht, sondern die Wahrheit. Doch nur selten findet die Wahrheit eine Mehrheit. Deshalb braucht es Mut und Gelassenheit, um für die Wahrheit einzutreten. Der Jünger Jesu entfaltet seine Wirksamkeit nicht aus quantitativer Stärke sondern aus qualitativer Kraft. Jesus spricht von einer Handvoll Sauerteig, die den ganzen großen Teig durchsäuert (Mt.13,33).

Was bedeutet also ein "Neues Jahr"? Sofern es nur ein sich fortschreibendes Datum für die ewig sich wiederholenden Menschheitsereignisse ist, bringt es außer Neuigkeiten nichts Neues! Wenn aber die Botschaft Christi die Welt wie ein Sauerteig durchdringt, dann geschieht wahrhaftig Neuheit. Das Evangelium hat seine Aktualität und Zugkraft keineswegs verloren; das hat der Weltjugendtag 2005 gezeigt. Christen sind Vorkämpfer und Wegbereiter, sie stehen immer an der Spitze der Entwicklung. Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben im Jahr 2006 die Wahl, im Zuge der Zeit Lokomotive zu sein oder Schlafwagen. Ich wünsche Ihnen von Herzen das erste von beiden!

Dreifaltigkeit: Gott ist das Modell des Menschen

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel
Sonntag, 1. Oktober 2006

 

Im Jahre 1316 – also vor genau 690 Jahren – starb Raimund Lull (span. Ramón Lul), ein Gelehrter, den man den bedeutendsten Mohammedanermissionar des Mittelalters genannt hat. Die Moslems hatten ihn in Tunis gesteinigt. Auf dem Weg nach seiner Heimatinsel Mallorca erlag er seinen schweren Verletzungen. Diesen einstigen spanischen Höfling faszinierte vor allem die fundamentale Glaubenswahrheit des Christentums, dass Gott ein Gott in drei Personen sei. Mit scharfem Verstand folgerte er: wenn Gott die Liebe ist, dann kann er nicht ein ewig Einsamer sein. Denn die Liebe braucht immer ein gleichrangiges Du, - also ein geliebtes Wesen, das wiederum die Fähigkeit hat, die empfangene Liebe zurückzuschenken. Ein einzig-einsamer Gott wäre bestenfalls ein höchst intelligenter Weltenarchitekt, aber niemals ein unendlich Liebender oder ein großer "Erbarmer", wie die Moslems ehrfürchtig ihren Gott Allah nennen. Nun ist aber Gott seit Ewigkeit - also schon vor der Erschaffung der Welt – eine liebende Gemeinschaft – und, gerade durch die personhafte Liebe des Heiligen Geistes, ein Einziger.

Von diesem Gedanken beseelt, machte sich Raimund Lull auf den Weg, um mit den Moslems in Nordafrika über den Dreifaltigen Gott zu disputieren und ihnen die tiefen Erkenntnisse der christlichen Lehre darzulegen. Er war sich der Schwierigkeit seiner Mission wohl bewusst, denn die christliche Lehre vom dreifaltigen Gott wird – bis heute! – von oberflächlichen Betrachtern als Vielgötterei ausgelegt.

Könnte nicht die Lehre von der Dreifaltigkeit der heutigen Menschheit eine Hilfe zur Lösung ihrer großen Probleme geben? Die Überbetonung des Individualismus – ausgerechnet im ehemals christlichen Europa! – führt zu Vereinsamung, Egoismus, Kinderlosigkeit und sozialer Schieflage. Die einseitige Betonung der Gemeinschaft – besonders stark ausgeprägt im Sippen- und Familiendenken islamischer Völker – führt zur Missachtung der Würde des Einzelnen, zu "Ehrenmorden", schließlich zum menschenverachtenden Terrorismus. "Einheit in der Unterschiedlichkeit" heißt das Sanierungskonzept des dreifaltigen Gottes.

Es braucht wieder ein "trinitarisches Gleichgewicht". Die Probleme dieser Welt weisen eindeutig darauf hin, dass die Würde des Menschen darin besteht, ein Abbild des dreifaltigen Gottes zu sein. Der Mensch ist ein solidarisches Wesen, er braucht einerseits Gemeinschaft, Zuwendung und aufmerksames Füreinander; - denn ohne Liebe kann der Mensch nicht Mensch werden. Anderseits braucht er die Möglichkeit, seine besondere Originalität und Einmaligkeit zu entfalten. Der Respekt vor der Würde jedes Einzelnen ist Voraussetzung dafür.

Hat nicht Raimund Lull Recht behalten? Der Dreifaltige Gott ist und bleibt das "Modell" jedes Menschen und jeder Gemeinschaft. Wer heute seinen Urlaub in Mallorca verbringt, sollte unbedingt das Grab des großen Moslemmissionars in Palma die Mallorca aufsuchen und sich dort eine Lektion "dreifaltiges Menschenbild" erteilen lassen.

Vom Gang über das Wasser

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel
Sonntag, 1. Oktober 2006

 

Ein russisches Sprichwort sagt, daß es für Christen zwei Existenzmöglichkeiten gibt: im Boot der Sicherheit zu leben oder über das Wasser zu gehen. Die erste Form ist uns geläufig: das Leben durchkalkulieren, kein Risiko eingehen, sich möglichst bei der Mehrheit aufhalten, nicht auffallen, sich absichern... Die andere Form - über das Wasser gehen - halten wir eher für Schwärmerei. Kann das Wasser denn einen Menschen tragen? Hat Gott sich nicht an die Naturgesetze zu halten? Mag die Oberflächenspannung des Wassers für das Gewicht einer Libelle ausreichen, doch keinesfalls für einen Menschen! Und dennoch hören wir im Evangelium (Mt.14,22-33), wie Jesus über den See Gennesaret geschritten ist. Sogar Petrus hat ein paar Gehversuche gemacht, ist aber dann versunken. Eine Legende?

 

Tatjana Goritschewa, die bekannte russische Frauenrechtlerin, berichtet, wie sie mittels der Existentialphilosophie den Zugang zum christlichen Menschenbild gefunden hat: "Der Mensch - das ist die 'Sphäre der Offenheit' (Martin Heidegger)... Der Mensch - das ist 'Sein an der Grenze' (Karl Jaspers). Der 'neue Mensch', von dem wir nach unserer Bekehrung sprachen, ist offen für die radikale Entscheidung: Gott oder Teufel, Untergang oder Rettung. Der Mensch muß sich entscheiden zwischen dem materialistischen Weg des Vergnügens oder dem Weg Christi. Ein Drittes gibt es nicht."

Es ist auffallend, daß Jesus immer wieder auf diese einzig mögliche Alternative hinweist: "Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon." (Mt.6,24).

Wenn sich der Mensch für Gott entscheidet, dann überschreitet er die Grenze, die ihn bisher an die Endlichkeit gebunden hat. Er betritt sozusagen eine neue Sphäre des Seins, die nicht mehr kalkulierbar ist, für die es auch keinerlei menschliche Sicherheit oder Versicherung gibt. Er beginnt, "über das Wasser zu gehen". Was heißt das?

Tatjana Goritschewa berichtet, daß bei ihrer Bekehrung jegliche Angst von ihr gewichen sei, die Angst vor dem menschenverachtenden sowjetischen System und dessen Vertretern, deren Macht allein darin besteht, anderen Menschen Angst zu machen. Als sie zum Verhör vor den mächtigen KGB, dem sowjetischen Geheimdienst, geführt wurde, trat sie mit einer nie gekannten Freiheit und einem so beeindruckenden Freimut auf, daß nicht sie sondern die atheistischen Funktionäre die Schockierten und Einschüchterten waren. Angesichts dieser neuen Art von Selbstbewußtsein, die nicht auf menschlicher Kraft beruhte, waren diese kommunistischen Bürokraten völlig konzept- und kopflos.

Von Basilius dem Großen (+ 379) wir berichtet, daß er von einem kaiserlichen Beamten mit Beschlagnahme seines Vermögens, mit Verbannung, Folter und Tod bedroht wurde. Der berühmte Bischof von Cäsarea fragte zurück: "Sonst nichts?" Und er erklärte: "Von all diesem trifft mich nicht eines. Wer nichts besitzt, dessen Güter können nicht eingezogen werden. Verbannung kenne ich nicht, denn ich bin überall auf Gottes weiter Erde zu Hause. Folter kann mir nichts anhaben, da ich keinen Leib mehr habe. Der Tod aber ist mir willkommen, denn er bringt mich schneller zu Gott. Auch bin ich größtenteils schon gestorben und eile seit langem zum Grabe." Betroffen antwortete der Beamte: "So hat noch niemand mit mir gesprochen." Darauf Basilius: "So bist du wohl noch nie einem Bischof begegnet."

"Über das Wasser schreiten", das sehen wir an diesen beiden Beispielen, ist kein Zauberkunststück für eine öffentliche Vorführung, sondern eine neue Lebensform, für die Petrus auf dem Wasser erste Gehversuche machen darf. Solange er seinen Blick auf Jesus richtet, spürt er eine tragende Kraft. Er bewegt sich sozusagen "jenseits der Grenze". Sobald er aber seine Aufmerksamkeit auf die Naturgewalten und seine menschlichen Fähigkeiten richtet, bleibt er "diesseits der Grenze" und fällt ins Bodenlose. Später, nach dem Pfingstereignis, als der Geist Christi die Apostel erfüllte, wich von Petrus der letzte Rest von Angst. Freimütig tritt er vor den Menschen auf. Selbst den Hohen Rat fürchtet er nicht, obwohl dieser ihn ins Gefängnis werfen und öffentlich auspeitschen läßt. Jetzt hat Petrus wirklich gelernt, über das Wasser zu gehen.

Es ist auffallend, daß Jesus seine Lehre mit mancherlei Begebenheiten am See Gennesaret verbunden hat: mit der Stillung des Seesturms, dem wunderbaren Fischfang und dem nächtlichen Gang über das Wasser. Immer hat seine Lehre die Komponente der Unmöglichkeit. Und immer heißt die Botschaft: bei Gott ist kein Ding unmöglich. Dem Glaubenden öffnet sich eine Pforte, wo der Ängstliche vor einer undurchdringlichen Wand steht. Jenseits dieser Grenze beginnt das faszinierende Leben in neuen Dimensionen.