Barmherzigkeit für Mann und Frau

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   

 

Barmherzigkeit für Mann und Frau
Winfried Abel

Vortrag, gehalten auf dem
Deutschen Kongress zur Göttlichen Barmherzigkeit
18. April 2009 in Wiesbaden


1. Barmherzigkeit ist das Thema unserer Tage

Lassen Sie mich zunächst die Grundsatzfrage beantworten. Was bedeutet eigentlich Barmherzigkeit, und welchen Stellenwert hat sie in Theologie und Heilsgeschichte?

Ich bin im Jahre 1974 zum ersten Mal diesem Thema begegnet. Damals war auf dem Büchermarkt ein Buch von Maria Winowska, einer polnischen Schriftstellerin, über das Leben einer mir unbekannten Schwester Faustina Kowalska erschienen. Das Buch trug den Titel „Anrecht auf Barmherzigkeit“. Ich habe es regelrecht verschlungen, es hat mich zutiefst beeindruckt. Beim Lesen kam mir der Gedanke, diese Botschaft müsse doch in der ganzen Kirche verbreitet werden. Vier Jahre danach kam merkwürdigerweise ein polnischer Papst auf den Stuhl des Heiligen Petrus. Was damals noch niemand wissen konnte, war die Tatsache, dass dieser Papst von Anfang an den Auftrag verspürte, der Vollstrecker dieser Botschaft zu werden, die Jesus an diese damals noch völlig unbekannte Schwester gegeben hat. Schon die zweite Enzyklika von Johannes Paul II., erschienen im Jahre 1980, trug den Titel "DIVES IN MISERICORDIA"; sie handelte von Gott, der reich ist an Barmherzigkeit. Damals hat wohl kaum jemand geahnt, dass diese Enzyklika etwas mit Schwester Faustina Kowalska zu tun haben könnte. Selbstverständlich hat der Papst peinlichst darauf geachtet, diesen Namen nicht, nicht einmal andeutungsweise, zu erwähnen, auch nicht in einer Fußnote. Denn diese polnische Mystikerin hatte damals noch keinerlei kirchliche Anerkennung. Diese kommt im Allgemeinen dadurch zustande, dass zunächst einmal die Schriften und die persönliche Lebensführung geprüft werden, bevor die Kirche eine solche Ordenfrau als Mystikerin oder gar Heilige anerkennt.
Dass sich der polnische Papst Johannes Paul II. in den Auftrag gestellt sah, die Btschaft einer polnischen Mystikerin zu propagieren und ihre Sendung zu vollstrecken, das hat mir damals schon ein wenig gedämmert.
Am Ende des Pontifikates von Johannes Paul II wurde das ganz offenbar, als der Papst am 30. April 2000 Sr. Faustina kanonisierte und zugleich den Sonntag der Barmherzigkeit einführte. Gott hat dieses Ereignis noch einmal mit einem Ausrufezeichen versehen, indem er den Papst fünf Jahre später, am Vorabend zum weißen Sonntag, dem Sonntag der Barmherzigkeit, heimgeholt hat, um auf diese Weise zu bestätigen: ja, auch der Papst muss durch meine Barmherzigkeit gerettet werden, und selbstverständlich auch die Menschheit, die ganz auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen ist.

2. Der Verlust der Barmherzigkeit

Während dies alles im Gange war, tat sich der Eiserne Vorhang auf und die Völker Osteuropas wurden von der Tyrannei des Kommunismus befreit. Damals, es war im Jahre 1993, erschien in Deutschland ein Taschenbuch, das sofort wegen des Titels meine Aufmerksamkeit erregte: „Die verlorene Barmherzigkeit“. Der Autor Daniil Granin war einst in der UdSSR Präsident des Penclubs, wurde dann aber wegen seiner kritischen politischen Haltung vom herrschenden Regime zur Seite geschoben. Nach der Wende kam er wieder zu Wort.
Ihm war, etwa im Jahre 1986, etwas Merkwürdiges passiert. Damals lebte er in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Eines Tages wollte er in Eile über die Straße gehen, geriet ins Stolpern und schlug so hart mit dem Kopf an der Bordsteinkante auf, dass er sich schwer verletzte. Blutüberströmt lag er am Straßenrand mit ausgekugeltem Arm und einem Gehirntrauma. Kein Mensch kümmerte sich um ihn. Die Leute gingen an ihm vorüber und machten ihre abfälligen Bemerkungen über den "Penner", der doch gefälligst arbeiten solle, anstatt sich dem Alkohol zu ergeben. So und ähnlich lauteten die Bemerkungen der Vorübergehenden. Kein Mensch kam auf den Gedanken, dass hier ein Mensch in Not sei, dessen man sich annehmen müsse. Nachdem Daniil Granin vergeblich um Hilfe gerufen hatte, sich dann aber mühsam aufrappeln konnte, um nach Hause zu wanken, griff er zum Telefon, rief einen Notarzt und fand sich kurz darauf als Klinikpatient in einem Leningrader Krankenhaus wieder. Dort überlegte er: was war da eigentlich passiert? Und auf einmal kam ihm das Wort "Barmherzigkeit". Die Menschen kannten keine Barmherzigkeit mehr. Wie konnte es nur dazu kommen?
Daniil Granin dachte an die Oktoberrevolution 1917 und erinnerte sich: damals wurde das Wort Barmherzigkeit aus dem Vokabular der neuen Machthaber ausgemerzt. Diese sagten: „In einer Gesellschaft, in der alle gleich sind, in der es auch keine Standesunterschiede mehr gibt, braucht es auch keine Barmherzigkeit mehr. Denn die Barmherzigkeit ist ein bourgeoiser Begriff aus der Zeit, als es noch Menschen gab, die sich erbarmen mussten, weil sie zu den Reichen und den Großgrundbesitzern gehörten. Damals gab es noch die Armen, denen man ab und zu eine Kupfermünze zuwerfen musste, und das nannte man eben "Barmherzigkeit". Dieser Zustand ist glücklicherweise beseitigt! Heute haben wir alle die gleichen Rechte und brauchen keine Barmherzigkeit mehr, denn wir sind alle gleich.
Das Wort "Miloserdie" wurde aus dem russischen Lexikon der Begriffe einfach ausgemerzt und kam nicht mehr vor. Granin wörtlich:

"Miloserdie. Dieses Wort war einmal in Rußland sehr verbreitet gewesen. Es gab Schwe¬stern der Barmherzigkeit, die in den Spitälern tätig waren – die Krankenschwestern, die man heute schlicht als medizinisches Pflegepersonal bezeichnet. Und es gab Gesellschaf¬ten der Barmherzigkeit...Ich wußte nur, daß das Wort 'Barmherzigkeit' aus dem Lexikon getilgt worden war, …daß das Wort wie auch dessen ganzer Gehalt nicht einfach nur vergessen, sondern aus dem Verkehr gewalt¬sam entfernt worden waren. 'Miloserdie' wurde ausgerottet. Ich erinnerte daran, daß es in Leningrad einmal die 'Barmherzigkeits¬straße' gegeben hatte, die in Textilarbeiterstraße umbenannt wurde. Die Schwestern der Barmherzigkeit hießen von nun an Arzthelferin¬nen...
Barmherzigkeit galt als veraltet und war angeblich nur der bürgerlichen Gesellschaftsord¬nung zu eigen: ein verlogenes Gefühl, mit dem die Reichen und die Bourgeoisie dem Proletariat das Hirn verkleistern. Wie jeder klassenkämpferische Beg¬riff dient er doch nur der herrschenden Oberschicht...Der sowjetische Mensch hat keinen Grund, unglücklich zu sein. Kummer und Leid sind dem Sowjetmenschen fremd. Wir Sowjetmenschen erbauen die leuchtende Zukunft des Kommunismus, wir gehören der fortgeschrittendsten Gesell¬schaftsordnung an...
Nach der Revolution wurde dieses Gefühl verworfen. Es paßte nicht zur ideologischen Erziehung, genauer gesagt zu jener Bearbeitung durch Ideologie, der das Volk ausgesetzt war. Die Menschen wurden zum Haß erzogen: Tod dem Kapital! Nieder mit der Bour¬geoisie! Rotten wir das Kulakentum als Klasse aus!...In allen Losungen und Appellen, auf allen Plakaten brüllte es einen an: Keine Gnade! Nieder mit ihnen! Tod den Fein¬den!....
Von welcher Barmherzigkeit sollte da noch gesprochen werden, wenn ganze Völker, ohne Ansehen der Person und deren Verdienste, verbannt wurden. Man trieb Frauen, Kinder und Alte zusammen, pferchte sie in Waggons und jagte sie in die Steppen, nach Sibirien und Mittelasien. Ohne jedes Erbarmen vertrieb man sie aus ihrer angestammten Heimat. Doch all dies wurde im Namen höchster Ideale abgesegnet – zur Rettung des Vaterlandes und des so¬zialistischen Systems...
Das Gefühl der Barmherzigkeit ist ein gefährliches Relikt. Wer hat denn Barmherzigkeit nötig? Die Feinde des Vaterlandes? Unsere ideologischen Gegner? – Der sowjetische Mensch braucht keine Barmherzigkeit, sondern Sozialarbeit..."

Daniel Granin schrieb nach seiner Genesung – also noch vor der Wende! – in einer Leningrader Zeitschrift einen Artikel über die verlorene Barmherzigkeit. Dieser erregte großes Aufsehen in der Bevölkerung. Auf der Seite der Genossen entstand ein Sturm der Entrüstung. Die sagten: da kommt einer mit diesen veralteten Begriffen daher und will die längst überwundenen Zustände wieder einführen. Auf der anderen Seite löste der Artikel eine noch größere Welle der Zustimmung vonseiten der Menschen aus, die sagten: endlich nimmt jemand dieses vergessene Wort wieder in den Mund, denn unsere Gesellschaft braucht dringend die Barmherzigkeit, um wieder ein menschliches Gesicht zu bekommen.
Nach der Wende gründete Daniil Granin einen Barmherzigkeitsverein, der sich um die Notleidenden kümmern sollte. Doch dann machte er bald die ernüchternde Erfahrung, dass Barmherzigkeit ohne Religion nicht praktikabel ist. Der Barmherzigkeitsverein florierte zwar eine zeitlang, ging dann aber mangels Zustrom der geistlichen Kräfte zugrunde, die nur aus der ewigen Liebe Gottes in menschliches Handeln hinein fließen können. Das hat den Autor wiederum sehr nachdenklich gemacht. Denn er musste erkennen, dass Barmherzigkeit nicht nur ein mitleidiges Gefühl ist, sondern etwas mit der Treue Gottes zu tun hat.
Mich hat dieses Thema weiter beschäftigt bis auf den heutigen Tag. Als ich etwa vor fünf oder sechs Jahren in einem ICE von Fulda nach Stuttgart fuhr, erlebte ich, dass mein Platz, den ich reserviert hatte, von einer jungen Studentin besetzt war. Diese hatte ein Buch mit kyrillischen Buchstaben in der Hand und las darin. Eines konnte ich lesen, den Namen Dostojewski. Aha, dachte ich, also eine Russin, und zwar eine gebildete Frau. Ich sprach sie an, dass sie eigentlich auf meinem Sitz säße…, so kamen wir ins Gespräch. Und da ihr gegenüber noch ein Platz frei war, war das alles kein Problem. Im Verlauf unserer Unterhaltung kam ich auch auf Daniil Granin zu sprechen. Da ich der russischen Sprache nicht mächtig bin, habe ich mit ihr deutsch gesprochen. Sie beherrschte unsere Sprache blendend, fast ohne Akzent. So fragte ich sie, „Können sie mir sagen, wie Barmherzigkeit auf russisch heißt?“ Sie konnte es mir nicht sagen. Sie kannte das Wort nicht einmal. Da half ich ihr ein wenig nach: „Könnte es nicht Miloserdie heißen?“ Sie schaut mich erstaunt an und sagt: “Ja, so könnte man das nennen, Liebherzigkeit zu Deutsch.“
Ich habe mich später bei anderen Russlanddeutschen, die in unserer Fuldaer Gemeinde wohnen, umgehört: Kennen Sie dieses Wort? Sie sagten: „Wir sind vor kurzem zu einer Evangelisation nach Russland aufgebrochen, auch nach St. Petersburg. Wir mussten uns aber zunächst alle religiösen Vokabeln aneignen, die wir in Russland nie gehört hatten.
Das zeigt also, wie sehr der Kommunismus ganze Arbeit geleistet hat. Er hat nicht nur Begriffe ausradiert, sondern die Sache selber aus dem Herzen der Menschen entfernt. Die Menschen kennen die Barmherzigkeit nicht mehr.
Nun müssen wir allerdings die bange Frage stellen: wie sieht es denn in unserem Land aus? Hören Sie noch das Wort Barmherzigkeit in Ihrer Umgangssprache? Oder gar in der Politik? Sie werden erstaunt sein: Das Wort gibt es auch bei uns nicht mehr. In unserer Gesellschaft ist das Recht an die Stelle der Barmherzigkeit getreten. Solch ein Begriff kommt eigentlich nur noch im innerkirchlichen Sprachgebrauch vor, z.B. in den Predigten, natürlich auch in der Heiligen Schrift, aber aus unserem Lebensraum ist es fast verschwunden.

Ich habe einmal eine paradoxe Situation erlebt. Als Gefängnisseelsorger in Kassel – dreizehn Jahre lang versah ich diesen Dienst – hatte ich mich für einen Gefangenen verwenden wollen, der in München wegen eines schweren Raubes zu neun Jahren Haft verurteilt worden war. Ich fuhr, unerfahren wie ich damals noch war, nach München, suchte den Richter auf, der gerade eine Gerichtsverhandlung hatte, und wartete geduldig vor dem Gerichtssaal bis zur Pause. Hier musste mir der Richter direkt in die Arme laufen. Als die Türen sich endlich zur Gerichtspause auftaten, sprach den Richter auf den Fall an. Er erinnerte sich sofort und sagte: „Für diesen Mann gibt es keine Hafterleichterung." Da sagte ich zu ihm: „Lassen Sie doch Gnade walten!“ Da schaute er mich an und sagte: „Gnade? Abteilung 13!“ Da wusste ich also, ich war einem Juristen begegnet. Der kannte Gnade nur unter juristischem Aspekt. Gab es das also gar nicht mehr, dass ein Mensch die Gerechtigkeit durch die Barmherzigkeit ersetzt, wie ich es von Gott gehört und auch erlebt hatte?

3. Liebe als Barmherzigkeit

Hier ist es ganz wichtig, danach zu fragen: wie begegnen wir der Barmherzigkeit als einer göttlichen Eigenschaft?
Zunächst einmal: seit dem Sündenfall gibt es die göttliche Liebe zum Menschen nicht mehr als ungetrübte Liebe, wie sie im Himmel erlebt wird, sondern nur noch in der Weise der Barmherzigkeit. Denn die Liebe, die Gott den Menschen zuwendet, ist immer Liebe, die sich dem Sünder schenkt, nie mehr eine Liebe, die sich unter Heiligen verschenkt, weil etwa alle gut wären und weil Gott seine Freude daran hätte zu sehen, wie seine Geschöpfe ihm immer ähnlicher werden, bis sie sogar zur vollen Partnerschaft mit Gott heranreifen. Diese ursprüngliche Harmonie wurde durch den Sündenfall zerstört. Seitdem ist Gottes Liebe nur noch in der Form der Barmherzigkeit erfahrbar. Das heißt: wenn Gott sich dem Menschen zuwendet, dann wendet er sich immer dem Sünder zu. Unter diesem Aspekt müssen wir das Wort "Liebe" verstehen.
Wenn eine der ersten Enzykliken von Papst Johannes Paul II. den Titel "DIVES IN MISERICORDIA" trug, dann hat sein Nachfolger dieses Thema sofort wieder aufgegriffen und "DEUS CARITAS EST" verfasst, seine erste Enzyklika. Wobei das Wort "Liebe" nur noch in diesem veränderten Sinn von Barmherzigkeit verstanden werden kann. Das ist eine Vorraussetzung, die wir kennen müssen.
Das bedeutet weiterhin: wenn wir Menschen untereinander Liebe üben, so geht auch das nur in der Weise der Barmherzigkeit. Wo ein Mann seine Frau liebt oder eine Braut ihren Bräutigam, kann das nur als Barmherzigkeit geschehen, denn in dem geliebten Anderen ist immer noch so viel Unerlöstes und Egoistisches zu finden, dass die Gerechtigkeit sich dagegen empören möchte. Ich habe gerade gestern zu einem Brautpaar gesagt: “Bedenken Sie vor allem dieses: wenn zwei Liebende heiraten, dann heiraten immer auch zwei Egoisten.“ Deshalb geht Vereinigung nur über Versöhnung! Wo keine Versöhnung waltet, dort kann eine Ehe keinen Bestand haben. Deshalb muss Liebe immer die "Färbung" der Barmherzigkeit haben. Wenn zu mir einmal ein Ehepaar sagte: „Die schönsten Stunden, die wir in der Ehe hatten, waren nicht im Bett, sondern wenn wir uns nach einem Donnerwetter versöhnt in den Armen lagen“, dann haben sie genau das gemeint. Das steht natürlich ganz im Gegensatz zu dem, was scherzhaft folgendermaßen persifliert wird: Der Jubilar wird bei seiner goldenen Hochzeit vom Pfarrer gefragt: „Welches waren denn die schönsten Jahre ihres Ehelebens?“ Seine Antwort: „Die Gefangenschaft in Sibirien.“ In seiner ehelichen Beziehung war wahrscheinlich von Barmherzigkeit keine Spur mehr vorhanden.

4. Barmherzigkeit in der Offenbarung

Welchen Sinn hat nun das Wort "Barmherzigkeit" ursprünglich im biblischen Sprachgebrauch? Die hebräische Sprache umschreibt den Begriff "Barmherzigkeit" mit zwei Worten: "rachamim" und "chesed". "Rachamim" bedeutet etwa die Zuneigung, die eine Mutter zu ihrem Kind hat. Dieses Wort leitet sich von "rechem" - Mutterschoß ab, beschreibt also Barmherzigkeit als eine Mutterschoß-Eigenschaft Gottes. Das andere Wort "chesed" beschreibt die liebende Beziehung unter dem Aspekt der Treue. Barmherzigkeit braucht Beständigkeit. Denken Sie wieder an den Barmherzigkeitsverein von St. Petersburg. Der Mensch ist aus sich nicht in der Lage, auf Dauer zu lieben. Auch nicht in der Ehe.
Die Barmherzigkeit Gottes ist selbstverständlich keine Eigenschaft, die als eine bloße Idee existiert. Ich frage mich überhaupt, wie man im alten Bund Gott als einen Liebenden und Barmherzigen erfahren konnte, da man ihn verleiblicht nie erlebten konnte. Wir können es uns wahrscheinlich gar nicht recht vorstellen, was es für einen bekehrten Juden bedeutet, Christus als Messias und Mensch gewordenem Gottessohn zu begegnen und an ihm zu sehen, was Barmherzigkeit Gottes ist. Ich bin sicher, dass viele Gottesbilder des alten Bundes daher rühren, dass die Menschen diese Erfahrung des menschgewordenen Gottes noch nicht kannten. Denn die Barmherzigkeit Gottes hat immer ein menschliches Gesicht.
Selbstverständlich treten auch schon im Alten Bund an verschiedenen Orten einzelne Züge der Barmherzigkeit Gottes zutage. Mich hat als Kind sehr die Josefsgeschichte berührt, die später die Kirchenväter als einen Hinweis auf Jesus gedeutet haben. Sie sahen in Josef ein Vorbild für den menschgewordenen Gottessohn. Josef wurde für zwanzig Silberlinge verkauft, Jesus für dreißig Silberlinge verraten. Josef hat am Ende seinen Brüdern auf ungewöhnliche Weise vergeben und ihnen seine Barmherzigkeit geschenkt.
Jesus selbst ist die in Josef vorgebildete inkarnierte Barmherzigkeit geworden. Alle bisherigen einseitigen Gottesbilder und –vorstellungen wurden von ihm, in seiner Person, anschaulich korrigiert. Seine Liebe zu den Sündern erregte Anstoß. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Gott so mit den Sündern verkehrt, wie es Jesus getan hat. Man hätte doch eher erwarten müssen, dass Jesus auf die Bösen den vernichtenden Blitz vom Himmel schleudert, so wie die Jünger einmal den Herrn aufforderten, Feuer auf eine samaritische Stadt zu werfen, damit diese ungastlichen Menschen ausgerottet würden. Eine solche Unbarmherzigkeit trug auch der Heilige Paulus noch bis vor die Tore von Damaskus in seinem Herzen. Dort wurde er zu einem ganz anderen, als er merkte, was an ihm geschehen war. Die Barmherzigkeit Gottes hatte ihn eingeholt. Und nun war er dazu berufen, diese Barmherzigkeit weiter zu geben an die Menschen.
Es ist auch für uns Heutige erstaunlich, wie Jesus mit denen umging, die man einfach "Zöllner und Sünder" nannte. Mit diesem Begriff wurde damals eine ganze gesellschaftliche Gruppe abqualifiziert, weil sie nicht den Gerechtigkeitsvorstellungen der Pharisäer entsprach. Jesus wendet sich ausgerechnet diesen Leuten zu.
Eine der schönsten Begegnungen ist die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen. Ich würde dies am liebsten mit Ihnen den ganzen Vormittag meditieren. Es ergreift mich immer wieder, wie Jesus dieser Frau begegnet, die eigentlich doch nur Männer kannte, die Frauen unterdrückten und ausnutzten, die immer wieder dort ansetzten, wo die Frau am verwundbarsten war. Sie hatte fünf Männer gehabt. Jesus wusste, was das für diese arme Frau bedeutete. Diese Frau glaubte gar nicht daran, in den Augen Gottes überhaupt noch etwas wert zu sein. Da kommt Jesus und entdeckt in ihr eine Schönheit und Würde, wie sie auch im Sünder immer noch da ist. Diese arme missbrauchte Frau erlebt zum ersten Mal in ihrem Leben männliche Liebe, die nichts von ihr will, außer sich an sie verschenken möchte, die nichts für sich begehrt, die niemanden erniedrigt, sondern selbst mit der Erkenntnis ihrer Armseligkeit noch solches Erbarmen verbindet, dass es eine Wohltat ist, von ihm erkannt zu werden. Es ist unglaublich wie sie in das Dorf hinein rennt und ruft: "Da bin ich jemandem begegnet, der hat mir alles gesagt, was ich getan habe." (Joh.4,29). Wenn ich Ihnen, liebe Zuhörer, jetzt alles sagen würde, was Sie je in Ihrem Leben getan haben, sie würden hinaus rennen, aber nicht, um es anderen weiter zu sagen, sondern um sich vor Scham in das nächste Mauseloch zu verkriechen. Aber Jesus entdeckt in dieser erniedrigten Frau eine große Schönheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben erkennt diese Frau, wer sie in den Augen Gottes ist. Zum ersten Mal begegnete sie der Barmherzigkeit.

5. Große Gestalten der Barmherzigkeit

Barmherzigkeit könnte man auch mit einem restauratorischen Akt vergleichen, wie er an einem Bild geschieht, das vielleicht sieben-, acht-, neun- oder zehnmal übermalt worden ist, dessen Original man überhaupt nicht mehr sieht. Wir haben in unserer St. Andreas-Kirche in Fulda eine Krypta aus ottonischer Zeit, die kürzlich restauriert worden ist. Kostbare Wandmalereien waren im Lauf des Mittelalters mit acht Farbschichten übermalt worden, bis man sie 1932 endlich wieder entdeckt hat. So ungefähr ist es mit der Seele des Menschen, wenn ihr Gott als Restaurator begegnet. Das falsche Bild, das Menschen von sich selbst haben oder von anderen vermittelt bekommen, wird nun korrigiert, die Farbschichten werden behutsam abgetragen. Das geschieht im Bekenntnis und in der Vergebung der Sünden: wir lassen uns von IHM erkennen. Und ER tut das mit einer solchen Zärtlichkeit, dass es uns nicht einmal weh tut.
Das bedeutet für uns: wenn die göttliche Barmherzigkeit in Jesus ein menschliches Gesicht gefunden hat, dann ist sie für uns heute ein Imperativ: "Seid barmherzig…!" (Lk.6,36). Die Barmherzigkeit braucht auch heute ein menschliches Gesicht. Wenn schon die letzten Päpste, besonders Johannes Paul II., diesen Imperativ so deutlich herausgestellt haben, dann sehe ich darin ein prophetisches Zeichen, dass allein diese Mission ("Barmherzigkeit als Mission" war das Thema des parallelen Workshops) überhaupt noch Wirkung in dieser Welt hat. Es ist wirklich eine Mission der Kirche, den Menschen Barmherzigkeit zu erweisen. Die Kirche muss sich überlegen, wie sie am nachdrücklichsten Barmherzigkeit verkörpern und in die Welt hinein tragen kann. Alle anderen Formen von Gerechtigkeit sind gewissermaßen ausgereizt und haben im Letzten nur zur Ausbeutung des Menschen geführt.
Mir steht in diesem Moment die Gestalt von Vinzenz von Paul vor Augen, dem Genie der tätigen Barmherzigkeit. Ich habe in der ganzen Heiligengeschichte keinen Menschen gefunden, der so "genial" barmherzig war wie Vinzenz von Paul, wobei Genialität bitte nicht als eine persönliche Begabung zu verstehen ist, sondern als ein vom Heiligen Geist gewirktes Charisma. Vinzenz von Paul vereinigte in seiner Person Männlichkeit und Gottesliebe. Das Männliche, das Organisatorische, gepaart mit der Barmherzigkeit, formte eine beeindruckende Demutsgestalt, einen Menschen voller Tatkraft, Weitblick und Güte, wie sie eben nur die Liebe Gottes schaffen kann. Vinzenz hatte wiederum ein anderes Vorbild vor Augen. Das war der Bischof von Genf, Franz von Sales, der wegen seiner Güte und Menschenfreundlichkeit die inkarnierte Güte Gottes war. Von ihm sagte einmal Vinzenz von Paul: „Wie groß ist doch die Güte Gottes, mein Gott, wie gut bist du, da ja der Herr Franz von Sales, der doch dein Geschöpf ist, schon so viel Güte besitzt.“ Vinzenz schließt also von der Güte, die er menschlich erfährt, auf die noch größere Güte Gottes. Hat das nicht auch Jesus ähnlich gesagt? Wenn ein Kind etwa von seinem Vater ein Ei, ein Stück Brot oder einen Fisch erbittet, würde der Vater ihm das verweigern? Und Jesus fügt hinzu: „Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten" (Lk.11,13). Das bedeutet: "um wie viel größer muss Gottes Güte und Liebe zu uns Menschen sein?"
Ich denke an Albert von Polen, der den bürgerlichen Namen Adam Chmielowski trug. Auch er wurde von Johannes Paul II. heilig gesprochen (1989). Dieser ehemalige Kunstmaler lebte in Krakau als Penner unter Pennern. Als Maler war er ein bedeutender Vertreter des polnischen Impressionismus. Eines Tages begegnete ihm in Warschau auf der Straße ein Penner. Da blieb Adam Chmielowski wie angewurzelt stehen und erkannte ganz deutlich, dass er dazu berufen sei, das entstellte Antlitz Christi in diesem Penner zu restaurieren. Er, der angesehene Künstler, sollte vom Kunstmaler zum Restaurator des geschändeten Antlitzes Christi in den menschlichen Herzen und Gesichtern werden.
Könnte man nicht die gesamte seelsorgerliche Arbeit als "Restaurierungsarbeit" umschreiben?
Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Mutter Teresa, über die einmal ein Hindu-Priester sagte: "Ich habe den Eindruck, dass Christus in dieser Frau wieder Mensch geworden ist.“ Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Gott noch einmal in Gestalt dieser Frau ein Bild der Barmherzigkeit ausgeprägt hat. Und Mutter Teresa hat sehr wohl unterschieden zwischen christlicher Liebe und Sozialarbeit. Sie wollte niemals eine funktionale Projektleiterin sein. In einer Aufzeichnung schreibt sie: "Ohne unsere Leiden wäre unser Werk zwar ein sehr gutes und nützliches, aber nur Sozialarbeit und nicht das Werk Christi. Es hätte keinen Anteil an der Erlösung… Jesus hat uns helfen wollen, indem er unser Leben, unsere Einsamkeit, unseren Todeskampf, ja unseren Tod teilte. Er musste eins mit uns sein, um uns zu retten. Wir dürfen dasselbe tun. Es geht in dem Werk der Barmherzigkeit nicht darum, dass der Hungernde zu essen bekommt, dass der Gefangene befreit wird, dass der sozial Unterbemittelte wieder auf feste Füße gestellt wird und der Arbeitslose Arbeit bekommt, sondern es geht darum, dass die Menschheit erlöst wird."
Anteilhabe am Erlösungswerk Christi, - so hat Mutter Theresa die praktizierte Barmherzigkeit verstanden. Wenn die Kirche ihre karitative Tätigkeit zur Sozialarbeit verkommen lässt, ist sie nicht mehr in der Spur Jesu. Es ist bedrückend zu sehen, wie wenige Männer und Frauen der Kirche sich noch unentgeltlich zur Verfügung stellen. Auch bei uns ist die Barmherzigkeit Mangelware geworden.
Ich erinnere mich, dass vor etwa vierzig Jahren der Geschäftsführer der Barmherzigen Schwestern das Motto verkündete: „Wir werden unsere Barmherzigkeit so teuer wie möglich verkaufen:“ Tatsächlich hat er aus dem Werk der Ordensgemeinschaft ein wohlhabendes Unternehmen gemacht. Die Häuser stehen heute prächtig da, aber es sind keine Schwestern mehr darin!
Bruder Albert von Polen, den ich eben zitierte, hat dazu einen treffenden Kommentar gegeben: "Einen wackelnden Tisch darf man nicht von oben beschweren, um ihn wieder zurecht zu bringen. Man muss sich ganz, ganz tief bücken und ihn von unten stützen. Das gleiche gilt für das menschliche Elend"

In der Geschichte der Kirche gibt es zu allen Zeiten die Barmherzigkeit als tätige Barmherzigkeit: Es beginnt mit den sieben Diakonen in der Apostelgeschichte und setzt sich fort mit dem Heiligen Laurentius und seinen "Schätzen der Kirche", die die Armen waren; dem Heiligen Ambrosius von Mailand, der ein Meister der barmherzigen organisierten Liebeswerke war; dem hl. Martin von Tour, nicht nur in seiner Mantelteilung, sondern viel später als Bischof der Armen in seinem Bistum. Dann folgen so große Gestalten der tätigen Nächstenliebe wie Elisabeth von Thüringen, der hl. Vinzenz von Paul – und dann ein Mann, der sich wirklich infiziert hat, wie Jesus sich von der Sünde infizieren ließ: Damian Deveuster, der Aussätzigenapostel auf Molokai… So spinnt sich der Faden weiter bis in unserer Zeit zu Mutter Theresa. All diese sind wirklich nur exemplarische Gestalten, die für eine Vielzahl von Menschen stehen, die ebenso gedacht, gehandelt, gelebt haben und gestorben sind.

6. Barmherzigkeit bei Mann und Frau

Was aber ist Barmherzigkeit bei Mann und Frau? Zunächst einmal ist Barmherzigkeit eine Eigenschaft Gottes, die man nicht sexistisch betrachten darf. Die sexistische Betrachtung Gottes ist eine Modekrankheit unserer Zeit, eine Art Projektion menschlicher Denkkategorien und ideologischer Vorstellungen auf Gott. Ich finde es bedauerlich, dass man auch an die Heilige Schrift auf das Prokrustesbett feministischer Theologie spannt und dann in "gerechter Sprache" die göttliche Offenbarung so lange verzerrt, bis sie den menschlichen Vorstellungen entspricht. Ich finde es ebenso bedauerlich, dass es die deutschen Bischöfe geduldet haben, dass man den "Brudermord" bis ins Gotteslob vorangetrieben hat. Damit schmälert man nach meiner Ansicht die Wahrheit, die immer größer ist als unser Begreifen und daher eine ständige Zumutung bleiben muss. Denn das Wort Gottes ist tiefste Weisheit. Wir können Gott mit sexistischen Begriffen nicht erklären. Zur politischen Korrektheit gehört heute die Akzeptanz des Gender-Mainstreaming, das den Menschen sozusagen zu einem geschlechtslosen Wesen erklärt. Der Mensch kommt als "tabula rasa" auf die Welt und hat die Möglichkeit, sein Geschlecht selbst zu bestimmen. Dieser Unsinn ist zwar physiologisch tausendmal widerlegt, wird aber mit Verbissenheit quasi lehramtlich verkündet. Dabei wird völlig ignoriert, sogar vehement bestritten, dass der Körper eine Entsprechung zur Seele hat. Wir Christen, die wir ein bisschen philosophisch zu denken gelernt haben, sollten das zumindest wissen. Schon Aristoteles hat die Seele das Form-Prinzip des Körpers genannt. Nicht der Körper bildet die Seele, sondern die Seele bildet den Körper aus! Das heißt also: es gibt im seelisch geistigen Bereich des Menschen eine Entsprechung zu Gott. Doch IHN können wir nicht einordnen in sexistische Begriffe, selbst wenn ER sich als Vater offenbart, Jesus sich als Sohn bezeichnet und der Heilige Geist als "ruach" weiblich zu sein scheint. Natürlich hat man bei oberflächlichem Hinsehen den Eindruck, dass der Alte und Neue Bund ganz von der Männerwelt dominiert ist. "Barmherzigkeit" schein eine typisch männliche Eigenschaft zu sein.
Als großes Vorbild tätiger Nächstenliebe wird im Alten Testament Tobit dargestellt. Tobit war es, der nach eigener Aussage den Hungernden das Brot gab und den Nackten die Kleider; wenn aber jemand aus dem Volk gestorben war, bemühte er sich, ihm ein würdiges Begräbnis zu geben. Als er später durch den Engel Raphael von seiner Blindheit geheilt wurde, sagte dieser zu ihm: "Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben." (Tob.12,9). Tobit ist also das große Vorbild der Barmherzigkeit im Alten Bund.
Wie steht es also um die Barmherzigkeit bei den Frauen in der Bibel? Da findet man sehr wenig in Richtung Mutter Theresa. Judith, die dem Holofernes den Kopf abgeschlagen hat, ist nicht gerade ein Beispiel dafür. Wir müssen hier vor allem die Sprache der Gleichnisse und Symbole in Betracht ziehen.
Lesen Sie einmal aufmerksam das 16. Kapitel bei dem Propheten Ezechiel. Ich verwende diese Lesung nicht selten bei Tauffeiern, um zu zeigen, was Taufe im Tiefsten bedeutet:

Bei deiner Geburt, als du geboren wurdest, hat man deine Nabelschnur nicht abgeschnitten. Man hat dich nicht mit Wasser abgewaschen, nicht mit Salz eingerieben, nicht in Windeln gewickelt. Nichts von all dem hat man getan, kein Auge zeigte dir Mitleid, niemand übte Schonung an dir, sondern am Tag deiner Geburt hat man dich auf freiem Feld ausgesetzt, weil man dich verabscheute. Da kam ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blut zappeln; und ich sagte zu dir, als du blutverschmiert dalagst: Bleib am Leben! Wie eine Blume auf der Wiese ließ ich dich wachsen. Und du bist herangewachsen, bist groß geworden und herrlich aufgeblüht. Deine Brüste wurden fest; dein Haar wurde dicht. Doch du warst nackt und bloß. Da kam ich an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war gekommen, die Zeit der Liebe. Ich breitete meinen Mantel über dich und bedeckte deine Nacktheit. Ich leistete dir den Eid und ging mit dir einen Bund ein - Spruch Gottes, des Herrn -, und du wurdest mein. Dann habe ich dich gebadet, dein Blut von dir abgewaschen und dich mit Öl gesalbt. Ich kleidete dich in bunte Gewänder, zog dir Schuhe aus Tahasch-Leder an und hüllte dich in Leinen und kostbare Gewänder. Ich legte dir prächtigen Schmuck an, legte dir Spangen an die Arme und eine Kette um den Hals. Deine Nase schmückte ich mit einem Reif, Ohrringe hängte ich dir an die Ohren und setzte dir eine herrliche Krone auf. Mit Gold und Silber konntest du dich schmücken, in Byssus, Seide und bunte Gewebe dich kleiden. Feinmehl, Honig und Öl war deine Nahrung. So wurdest du strahlend schön und wurdest sogar Königin. (Ez.16,4-13).

Das Geschöpf, dass da so verachtet am Wegesrande liegt, durch die Sünde hingeworfen, der Verderblichkeit und Sterblichkeit ausgeliefert, wird von Gott angesehen, rein gewaschen, ihm ebenbürtig gemacht. Und dann nimmt Gott sogar seinen Schmuck und hängt ihn der Braut um. Paulus beschreibt das so: "Ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen." (2Kor.8,9).
Die Heilige Hildegard hat diese unglaubliche Barmherzigkeits-Tat Gottes, die wir als "Heilsgeschichte" bezeichnen, dargestellt in ihrem berühmten Scivias Codex: Der nackte Jesus hängt sterbend am Kreuz, daneben steht die von Gold überflutete Ecclesia. Jesus hat das ganze Gold der Gottheit der Kirche geschenkt und damit der Schöpfung ihren durch die Sünde verlorenen Schmuck zurückgegeben. Gott will sich dieser Schöpfung, die er wie eine Braut geschmückt hat, neu antrauen. Das ist der heilsgeschichtliche Hintergrund vor dem man auch das Mann- und Frausein in der Schöpfungsordnung betrachten muss.
Die Frau ist sozusagen die Repräsentantin dieser von Gott geliebten und erwählten Braut. Sie repräsentiert das, was sie in Wahrheit ist. Wenn in der Welt der Bibel der Mann entsprechend der patriarchalischen Gesellschaftsordnung vorzuherrschen scheint, dürfen wir doch nie übersehen, dass Gott ausgerechnet dann, wenn er das Volk Israel beim Namen nennt, es mit "Tochter Zion" und "Tochter Jerusalem" und als seine "Braut" bezeichnet. Bei den Propheten Hosea und Jesaja werden Sie immer wieder diese Bilder finden: die Frau, die zur Ehebrecherin geworden ist, ja zur Dirne, der Gott als der Bräutigam, nachgeht, weil er sie mit ewiger Liebe geliebt und ihr solange die Treue gehalten hat (vgl. Jer.31,3).
Bis in den untersten Abgrund der Verlorenheit steigt er, um ihr dort am Ort der Schande zu begegnen und sich ihr wieder anzutrauen. Dies ist sicherlich der äußerste Erweis der Liebe, die durch kein anderes Zeichen überboten werden kann. Deshalb gibt die Geschlechtlichkeit hier nicht mehr den Ton an. Der äußerste Erweis der Liebe ist die Hingabe seiner selbst für den anderen. Das heißt mit anderen Worten: am Kreuz geschah die Vermählung Gottes mit dieser Schöpfung und damit wurde die untreue Braut wieder zur reinen Braut.
Das Frau-Sein ist also das reale Symbol des von Gott geschaffenen und erwählten Menschen. Die Frau, nicht der Mann, repräsentiert die gesamte Menschheit. Der Mann dagegen hat die Aufgabe, Gott selbst darzustellen. Er ist von Gott Vater zur Vaterschaft delegiert, soll also etwas repräsentieren, was er selbst vom Wesen nicht ist. Deshalb sagt Jesus: "Niemand sollt ihr auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel." (Mt.23,9). Der Mann ist also beauftragt, eine ihn selbst übersteigende Rolle zu übernehmen; zugleich muss er aber wissen, dass er selbst ein bloßes Geschöpf ist, ein Geschöpf wie die Frau. Diese "Doppelrolle" vertragen die Männer meistens nicht, sie sind eher versucht, die Herren der Welt zu spielen und sich an die Stelle Gottes zu setzen.
Dieses Problem beherrscht natürlich auch die Politik. Wo der Mensch sich selbst zum Schöpfer erklärt, dort greift er – meist mit verheerenden Wirkungen – in die Schöpfung ein. Denken Sie an die Diskussionen um die Stammzellenforschung. Diese weist in die Richtung, dass der Mensch der Schöpfer seiner selbst werden möchte. Damit maßt er sich göttliche Eigenschaften an.
Wenn aber der Mann in Demut anerkennt, dass er selbst nur Geschöpf ist und die Väterlichkeit Gottes nur zu repräsentieren hat, dann weiß er sich dem Urbild seiner selbst verantwortlich und zutiefst verpflichtet, dann erst kann er zu der Barmherzigkeitsform finden, die ihm als Mann zugedacht ist. Das ist im Allgemeinen sehr schwer. Es bedeutet nämlich, dass der Mann erst einmal den Abstieg zur reinen Geschöpflichkeit machen muss, um dann zu erkennen, wozu er von Gott berufen ist. Dann kann er wieder dazu aufzusteigen, ohne jede Anmaßung, um ein wirklicher Repräsentant Gottes zu sein.
Selbstverständlich hat auch die Diskussion um weibliche Priesterinnen mit der Repräsentation zu tun, die Gott den Menschen aufgetragen hat, die sich niemand selbst geben kann. Der Priester soll Christus repräsentieren und in Seiner Vollmacht handeln, die Frau soll die Braut-Kirche darstellen. In seinem letzten Fernsehinterview nach dem Priestertum der Frau befragt, antwortete der bekannte Theologe Hans Urs von Balthasar: "Wenn die Frau Priesterin werden wollte, dann würde sie hinter ihr Wesen und ihre Würde zurückfallen."
Alle Modelle von Demokratie und Psychologie helfen uns in dieser Frage nicht weiter, weil es eine Ordnung im Himmel gibt, die nicht wir Menschen gemacht haben, sondern die wir einfach vorfinden, die vor allem im Ursprung nicht sexistisch bestimmt ist. Deshalb nennen wir die Kirche eine Hierarchie, das heißt "Aus heiligem Ursprung" (hierós=heilig, und arché=Ursprung).. Dass heißt: die Kirche, ja die ganze Menschheit, kann sich nicht selber definieren, sie kann sich auch nicht selber formieren, sondern ihr wachsen die Berufungen zu, die sie jeweils männlich oder fraulich zu verwirklichen haben. So will Gott auf dieser Erde in männlicher und weiblicher Weise als barmherziger Gott in Erscheinung treten.

7. Väterliche und mütterliche Barmherzigkeit

Nun hören Sie, was in der Heiligen Schrift über die Barmherzigkeit Gottes gesagt wird. Zunächst einmal wird die Barmherzigkeit Gottes mit der Mutterliebe verglichen. „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch. In Jerusalem findet ihr Trost“ (Jes.66,13). Oder im ersten Thessalonicherbrief: „Wir sind euch freundlich begegnet, wie eine Mutter für ihr Kind sorgt“ (1Thess.2,7). So hat auch Paulus in sich die Mütterlichkeit entdeckt als eine Urform der Liebe, wie sie dem Menschen als Geschöpf gemäß ist, wie sie letztlich in Gott ihren Ursprung hat. Eine Mutter hat zu ihrem Kind eine ganz andere Beziehung als der Vater. Die Mutter ist ja diejenige, die die ganze Substanz ihres Leibes – und natürlich auch ihrer Seele – in das Kind hinein gibt. Um zu wissen, wie viel Substanz an Leiblichkeit der Vater seinem Kind gibt, muss man schon ein Mikroskop nehmen, um das winzige Sperma zu sehen. Alles andere kommt von der Mutter,  - die ganze Leibsubstanz. Wenn dann das Kind geboren ist, lebt es, wenn es gesund zugeht, auch noch von der Substanz der Mutter und wird aus ihrer Brust genährt. Dass dadurch eine ganz andere Beziehung zwischen Mutter und Kind erwächst, versteht sich von selbst. Diese Rolle kann kein Mann übernehmen. Väter haben keine Brüste. Und wenn Jutta Ditfurth sagt, die Frau sei eine Fehlkonstruktion der Natur, dann hat sie überhaupt nichts von der Schöpfungsordnung begriffen.
Natürlich wird auch die väterliche Liebe in der Heiligen Schrift beschrieben, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. "Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten.“ (Ps.103,13). Oder im Lukasevangelium spricht Jesus. "Seid barmherzig, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Lk.6,36). Dann erzählt er das wunderschöne, für mich das schönste aller Gleichnisse vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn. Dieses hat Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika DIVES IN MISERICORDIA zur Grundlage seiner Betrachtung gemacht. Bei der Lektüre dieser Barmherzigkeits-Enzyklika ist mir etwas aufgegangen, was ich vorher noch nicht gewusst habe. Der Papst weist nämlich darauf hin, dass der Sohn bei seiner Heimkehr erst in den Armen seines Vaters erkannt hat, was er eigentlich verloren hatte: seine Würde. Der Verlorene war ja immer davon ausgegangen, seine Schuld bestünde allein darin, das Geld verschleudert zu haben, das sein Vater ihm ausgezahlt hatte. Doch dieser kommt nie wieder auf das verlorene Erbe zu sprechen. Der Sohn erkennt erst an der Brust seines Vaters, was die Würde der Sohnschaft bedeutet. Diese hat ihm die Barmherzigkeit des Vaters wieder geschenkt. Geld spielte überhaupt keine Rolle mehr.
Oder denken Sie an die Begegnung zwischen Jesus und Zachäus. Wieder eine Barmherzigkeitsgeschichte. So begegnet Jesus den Sündern. Zachäus, der vorher ein materialistischer Geldmensch war, erfährt durch diese Begegnung eine Umwandlung. Jetzt geht ihm auf, was wahrer Reichtum ist. Reichtum ist, wenn Jesus in der Mitte angekommen ist. Alle anderen Dinge sind dagegen wertlos. Die ganze Prioritätenliste, alle bisherigen Maßstäbe werden durch Jesus auf den Kopf gestellt.
Noch einmal: der Mensch hat die Aufgabe, der Barmherzigkeit Gottes in der je ihm eigenen väterlichen oder mütterlichen Art ein Gesicht zu geben. Der Mensch ist an erster Stelle zur Liebe berufen, und zwar jeder Mensch! Das ist seine erste Aufgabe! Beim Mann heißt Liebe "Väterlichkeit", bei der Frau heißt Liebe "Mütterlichkeit". Das hat mit Kinderzeugen und -gebären zunächst überhaupt nichts zutun. Als ich noch Gefängnispfarrer war, saß ich eines Tages einem vierzehnjährigen Junge gegenüber, der mit trotzigem Stolz behauptete: " Ich bin auch schon Vater gewesen.“ Ich sagte: "Was, - Vater? Gewesen?" „Ja, hab’ ein Kind gemacht und hab’s wieder wegmachen lassen.“ So jemand nennt sich "Vater"! Das ist die totale Perversion der Vaterschaft. Solche Perversionen laufen heute zu Tausenden herum. Mit Vaterschaft hat das nichts zu tun. Diesbezüglich ist mir der Heilige Josef ein Vorbild, der Jesus nicht gezeugt hat, aber wirklich Vater war, mit allen Eigenschaften, die ein Vater braucht. Beschützende und verantwortlich sorgende Liebe ist mehr, als Kinder zeugen.
Den Menschen ist es aufgetragen, dass die Frau ihre Mütterlichkeit entdeckt und entwickelt, und dass der Mann seine Väterlichkeit entdeckt und entwickelt. Alles andere, ob jemand ein guter Manager, ein tüchtiger Arzt oder Politiker ist, spielt bei Gott überhaupt keine Rolle. Später werden wir allein nach der Liebe gefragt und nach nichts anderem.
Ich fand bei Romano Guardini einen sehr bemerkenswerten Satz in seinem Buch "Die Lebensalter“: "Eine verhängnisvolle Tendenz unserer Zeit geht dahin, die Geschlechter einander anzugleichen. Unter den Begründungen, welche diese Tendenz sich gibt, spielt die, zwischen den Geschlechtern müsse auf allen Gebieten die Gleichberechtigung durchgesetzt werden, eine besonders verhängnisvolle Rolle. Das faktische Ergebnis neben der Zerstörung der weiblichen Eigenart wird eine noch gründlichere Entrechtung sein. Der echte Weg zum Gleichgewicht der Rechte führt über die Entfaltung der Eigenart, denn nur in dieser liegt der Sinn und nur aus ihr kommt die Kraft." Das ist ein wahrhaft prophetisches Wort, vor etwa sechzig oder siebzig Jahren gesprochen.
Romano Guardini hat damals schon genau die Entwicklung erkannt, die heute bis zum Exzess betrieben wird. Denken Sie z. B. daran, wie z.Zt. Homosexuellenverbände und Grüne gegen den im Mai stattfindenden Internationalen Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge in Marburg Sturm laufen, weil sie vermuten, hier sollen Homosexuelle "umgepolt" werden. Nach ihrer herrschenden Ideologie ist ja Homosexualität eine normale Variante der Sexualität.
Martin Buber berichtet in seinen bekannten chassidischen Geschichten: Man fragte Rabbi Abraham Jaakob: "Unsere Weisen sagen: 'Kein Ding, das seinen Ort nicht hätte.' Es hat also auch jeder Mensch seinen Ort. Warum ist dann den Leuten zuweilen so eng?" Er antwortete: "Weil jeder den Ort des andern besetzen will.".“

Gott hat den Menschen als sein Ebenbild geschaffen, und gerade in der Unterschiedlichkeit der Personen liegt die Einheit stiftende Kraft. Wer diese Unterschiedlichkeit auflöst, zerstört die Schöpfungsordnung.
Ich möchte am Schluss dieser Betrachtung auf eine Stelle in der Heiligen Schrift hinweisen, die berichtet, wie Jesus seine Jünger aussendet: "Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel." (Mt.10,8).
Als Kirche müssen wir uns heute fragen, wie dieses Umsonst umgesetzt werden kann. Denn nur so wird Barmherzigkeit als Gnade erfahren. Das Wesen der Gnade ist das Umsonst Gottes.
Noch einmal: Der Mensch ist zur Liebe geschaffen. Martin Buber hat das in seinen chassidischen Erzählungen noch einmal so zum Ausdruck gebracht: "Rabbi Israel von Rizin sagte einmal: 'Wenn einer von euch dem Herrn eine Opfergabe darbringt' (Lev.1,2) Da unterbrach er sich: 'Ein Mensch, der sich nicht selbst darbringt, verdient nicht den Namen 'Mensch'."  Das ist eine anthropologische Aussage. Das Wesen des Menschen wird daran erkannt, dass er sich selbst übersteigen und auf Kosten seiner selbst lieben kann.

Verkündigung auf vielen Kanälen

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   

 

Verkündigung auf allen Kanälen
Winfried Abel


Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal das Heilige Land besuchte, beeindruckten mich vor allem die Landschaften, die noch so ursprünglich schienen wie zur Zeit Jesu. Am See Genesaret zeigte man uns die Stelle, wo Jesus vom Boot aus zu Tausenden gesprochen hat. Als ich diese Stelle sah, wurde mir klar, dass Jesus ganz bewusst dieses Ufer, das einem Amphitheater glich, gewählt hat, um vom Boot aus wie in einen Trichter hinein zu sprechen. So konnte er sich Tausenden leicht vernehmbar machen.

Die ersten Verstärker

Wenn man so will, war das bei der Verkündigung des Evangeliums die erste Technik der Lautverstärkung. In der Antike bedienten sich Feldherren und Politiker zum Zwecke der Tonverstärkung so genannter Herolde. Im Trojanischen Krieg hatten die Griechen einen menschlichen "Lautsprecher" namens Stentor, dessen Stimmgewalt so stark wie die von fünfzig Männern gewesen sein soll.

Die Technik spielte bei der Evangelisation immer eine Rolle. Der heilige Paulus bediente sich der phantastisch ausgebauten Verkehrs-Infrastruktur des Römischen Reiches, um die Botschaft bis an die Grenzen der Welt – vielleicht sogar bis nach Spanien – zu tragen. Seine Briefe wurden abgeschrieben und vervielfältigt, so dass sie noch heute in aller Welt gelesen werden. Im 15. Jahrhundert, also am Vorabend der Reformation, zog der Wanderprediger Johannes Capistrano mit einem Stab von Dolmetschern und Übersetzern durch Europa, verkündete auf hinreißende Weise das Evangelium und bewirkte eine beeindruckende Erneuerung des Glaubens.

Einen weiteren Schub in der Technik der Vervielfältigung brachte die Erfindung der Buchdruckerkunst. Somit waren seit dem 16. Jahrhundert Bücher auch für einfache Leute erschwinglich. Gedruckte Bibeln fand man jetzt nicht nur in Klöstern, sondern auch bei frommen Laien. Das führte zu einer wahren Explosion in der Verbreitung von Lehren und Meinungen. Für die aktuellen Nachrichten bediente man sich zunächst der Flugschriften, seit dem 17. Jahrhundert der Zeitungen.

Das 20. Jahrhundert brachte eine technische Revolution nach der anderen. Wenn man bedenkt, dass es vor neunzig Jahren – das war die Zeit meiner Großeltern – in Deutschland noch keine tausend Rundfunkteilnehmer gab, heute aber mehr Handys verbreitet sind, als Deutschland Einwohner hat, dann kann man den riesigen technischen Schub ermessen, der gerade durch die elektrischen und elektronischen Medien bewirkt wurde. Heute sind wir von Bildern und Texten, von Meinungen und Weltanschauungen derart überflutet, dass wir kaum noch die Möglichkeit der Auswahl, geschweige denn einer echten Meinungsbildung haben.

Technik im Dienst der Verkündigung

Große prophetische Gestalten in der Kirche haben die Bedeutung der Medien rechtzweitig erkannt. Pius XI. gründete 1931 Radio Vatikan, den ersten kirchlichen Radiosender.
Der polnische Franziskaner Maximilian Kolbe baute nach dem Ersten Weltkrieg in Polen ein kirchliches Presse- und Rundfunkimperium auf, das seinesgleichen suchte.
Nach dem Zeiten Weltkrieg zog durch unsere Lande der Massenprediger Johannes Leppich, den man das Maschinengewehr Gottes nannte. Unvergessen seine beißende Kritik, mit der er in den 50-er Jahren auf dem Fuldaer Domplatz die Priester und Laien bedachte, als er unsere Bischofstadt einen "mit Gesangbüchern zugedeckten Misthaufen" nannte. Doch seine Predigten, verbreitet im Rundfunk, durch Schallplatten und Bücher, zeigten ihre Wirkung.
Zur selben Zeit hielt Bischof Fulton Sheen in den USA seine berühmten Fernseh-Katechesen, die den Kneipen einen Riesenzulauf bescherten (die Mehrheit der Privatpersonen besaß damals noch kein Fernsehgerät) und die Straßen leerfegten.

Ich erinnere mich an ein Glaubensseminar, das ich 1986 im ehemaligen Bischöflichen Konvikt – damals Haus Immanuel – hielt. Unter den Zuhörern saßen einige Leute mit Kassettenrekordern auf den Knien, die meine Vorträge aufzeichneten, kopierten und verbreiteten. Die Qualität der Aufnahmen war allerdings so miserabel, dass man mich bat, die Vorträge professioneller aufzunehmen und zu vervielfältigen. Das war vor 23. Jahren der Start für unseren Kassettendienst, der heute mehr als 250 Titel umfasst und einen Umsatz von mehr als 200 000 Kassetten erreichte.
Ein Theologe sagte vor einigen Jahren zu mir, dass in St. Andreas-Fulda wohl die größte Kanzel in Deutschland stehe. Das hat mich damals bestärkt, den Dienst der Evangelisation auf technischem Wege voranzutreiben.

Inzwischen haben sich die Entwicklungen überschlagen. Aus dem Kassettendienst wurden die "St. Andreas Medien". Neuer Tonträger ist heute die Compact-Disc (CD), die allerdings schon bald wieder abgelöst sein wird durch neue Tonträger-Techniken.

Die Hörerschaft aber hat heute neue Wege zur kirchlichen Information gefunden. Seit etwa zwanzig Jahren existiert ein katholischer Rundfunksender – Radio Horeb -, der mit seinen Studios in Balderschwang und München rund um die Uhr kirchliche Sendungen ausstrahlt, die vor allem von älteren Menschen begrüßt werden. Radio Horeb ist so etwas wie ein Rundfunk-Kloster, in das man eintreten kann, um die kirchlichen Gebetszeiten, die tägliche Messe, den Rosenkranz mitzubeten und eine bunte Palette von Glaubensverkündigung zu hören. Viele Menschen haben dort eine geistliche Heimat gefunden.

Kirchliches Fernsehen

Vor sechs Jahren hatte ich Gelegenheit, Birmingham (Alabama) in den USA zu besuchen. Dort befindet sich der größte katholische Fernsehsender der Welt EWTN (Eternal Word Television Network), 1981 gegründet von der Ordensschwester Mother Angelica. Der Sender finanziert sich ausschließlich aus Spenden – ca. 250 000 Dollar pro Tag – und erreicht heute über seine weltweiten Fernsehprogramme mehr als 125 Millionen Haushalte in 127 Ländern. In Birmingham produzierten wir innerhalb von drei Tagen dreizehn Verkündigungssendungen, die in alle Welt ausgestrahlt wurden.

Nach dem Muster von EWTN hat in Österreich Pfarrer Hans Buschor den recht bescheidenen katholischen Fernsehsender K-TV aufgebaut, der sich in bestimmten katholischen Kreisen größter Beliebtheit erfreut. Bezeichnend für die Hörer ist, dass sie die unverfälschte katholische Lehre suchen und dafür auch manche Geschmacklosigkeit in Kauf nehmen.

Bei all den genannten Einrichtungen handelt es sich um private – also keine kirchenamtlichen –  Initiativen. Verkündigung als pluralistisches Unternehmen ist immer zum Scheitern verurteilt. Aus diesem Grund haben wohl auch die deutschen Bischöfe noch keinen kirchlichen Rundfunk- oder Fernsehsender auf die Beine stellen können, obwohl Notwendigkeit und Segen kirchlicher Präsenz in den Medien klar auf der Hand liegen.

Theater – ein uraltes Medium

Eine besondere Form der Verbreitung der Frohen Botschaft gab es schon im Mittelalter, - sozusagen als Ersatz für das Fernsehen: das Mysterienspiel. Daraus entwickelten sich z. B. die Passionsspiele. Auch in unserem Bistum (z.B. Salmünster, Bad Orb) haben sie heute wieder Liebhaber gefunden. Paradeis-, Christgeburts- und Dreikönigsspiele wurden in der Neuzeit wieder entdeckt, auch "Das große Welttheater" von Calderón und das "Jedermann"-Spiel von Hugo von Hofmannsthal gehören zu dieser Kategorie.

Heute evangelisieren viele geistliche Gemeinschaften wieder auf den Straßen unserer Städte durch Pantomimen und Sketche.
In der sog. Gegenreformation entstanden die berühmten Jesuitentheater als drastische Mittel der Verkündigung. Die bunten Aufführungen waren ausgestattet mit Musik, Ballett und Dutzenden von Schauspielern und Statisten, die die Bühne bevölkerten. Die Zuschauer wurden durch barocken Pomp und ein Feuerwerk von Showeffekten in Atem gehalten. Prächtige Bühnenbilder und Requisiten beeindruckten das Volk ebenso wie sämtliche Effekte der damaligen Bühnentechnik: Explosionen, Blitz und Donner, feuerspeiende Drachen, an Leinen herabfliegende Engel und bei infernalischem Lärm von der Erde verschluckte Gespenster. Teilweise wurden die Zuschauer zum Mitspielen animiert und nahmen auf diese Weise emotional an den Freuden und Leiden der Bühnenhelden teil.
Die Aufführungen waren zum Teil von derart beeindruckender Vehemenz, dass von Spontanbekehrungen berichtet wird. So sollen auch anwesende Landesfürsten noch an Ort und Stelle eine Wiederaufnahme in den katholischen Glauben erfleht haben. Die mit drastischen Bühneneffekten dargestellten Höllenqualen haben in ihrer Bildlichkeit offensichtlich eine größere Überzeugungskraft erzielt als argumentative Worte.

Als mich vor zwölf Jahren ein Mitglied unserer Gemeinde bat, ein historisches Spiel zum 975-jährigen Jubiläum von St. Andreas in Fulda zu schreiben, sah ich mich in die Zeit der Jesuitentheater zurückversetzt. Ein bisschen Spektakel muss sein. Also braucht es die kontrapunktische Gegensätzlichkeit von Gut und Böse, - vor allem das närrische Element, das Unterhaltung, Wahrheit und Würze garantiert. So entstand im Laufe von acht Jahren eine Trilogie der Spiele "Bonifatius lebt" (1998.), "Der Kaiser und der Abt" (2004) und "Der Bauer und der Abt" (2006), die viele Aufführungen erlebten und ein Publikumsmagnet wurden.

Der große Missionar Paulus schrieb einmal: "Egal, wie Christus verkündigt wird, die Hauptsache: ER wird verkündigt" (vgl. Phil.1,18). Das schreibt ein leidenschaftlicher Apostel, der noch das Pfingstfeuer in sich trug. Wenn die Kirche heute apostolisch wirken will, dann muss sie aus allen Rohren schießen und auf allen Kanälen verkünden. Denn so schreibt Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika zum dritten Jahrtausend: "Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit." (vgl. Hebr.13,8).

Maria und eine humane Gesellschaft

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   

 

"Maria, Leitstern auf unserem Weg zu einer humanen Gesellschaft"
(Kongress "Freude am Glauben" 12.9.2009)
Pfarrer Winfried Abel

 

Humanität als göttliche Eigenschaft

Am 8. September dieses Jahres hielt Bundespräsident Horst Köhler eine Rede zur Einweihung des Ehrenmals für die gefallenen Soldaten im Berliner Bendlerblock. Unter anderem sagte er: "Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit dem Gedanken an den Tod. Sie tut sich auch schwer mit Begriffen wie 'Dienen' und 'Hingabe'. Sie tut sich schwer mit der Vorstellung, Opfer zu bringen…Wir können uns die Welt nicht aussuchen, in der wir leben. Aber wir können versuchen, sie besser zu machen."

Der Präsident war sich sicherlich nicht bewusst, dass die katholische Kirche an diesem Tag das Fest der Geburt der Gottesmutter feierte. Im Kontext dieses Marienfestes erhielten seine Worte ein besonderes Gewicht. Denn er hat in seiner Rede sowohl die marianische Struktur der Kirche wie auch der ganzen Gesellschaft angesprochen.

Die Welt braucht ein menschliches Gesicht, - und der Mensch eine humane Welt, die er selbst gestalten darf und muss.
Nun haben aber ausgerechnet die Atheisten den Begriff "Humanität" auf ihre eigenen Fahnen geschrieben haben. Die Giordano Bruno Stiftung z.B. verkündet einen "evolutionären Humanismus", das heißt eine Welt nach menschlichen Maßstäben, ohne Gott, - ja bei Schmidt-Salomon, dem Vorsitzenden der Gesellschaft, muss man hinzufügen: gegen Gott.

Doch hier liegt ein großer Irrtum vor. Denn der Mensch lässt sich ohne Gott nicht definieren. Das Menschliche - das "Humanum" – ist ohne das Göttliche – das "Divinum" – überhaupt nicht denkbar. Das gilt sowohl vom Ursprung des Menschen – er ist Geschöpf und Ebenbild Gottes –, wie auch von seiner Existenz – alle Wesen gehen beständig aus Gott hervor –, wie auch von seiner Zukunft: der Mensch ist nicht Mensch, er wird Mensch, - dieser Prozess verwirklicht sich ausschließlich in der gelebten Beziehung zu Gott. Mensch-Sein ist immer auch eine beständige Mensch-Werdung.

Während meiner Kasseler Gefängnis-Zeit wurde der altgediente Gefängnisseelsorger von Butzbach feierlich verabschiedet. Ich sehe den greisen Pfarrer Alois Degen, der 40 Jahre lang den Gefangenen ein Freund und Helfer war, noch vor meinem geistigen Auge, wie er in seiner letzten Predigt vor der Gefängnisleitung, den Vertretern des Justizministeriums und den Gefangenen den österreichischen Dichter Franz Grillparzer zitierte: "Humanität ohne Divinität führt zur Bestialität." Diese Worte haben sich mir damals ganz tief eingeprägt. Sie deuten mir die Entwicklung der heutigen Welt, die sich wohl noch human nennt, aber Gott aus weiten Teilen ihres gesellschaftlichen Lebens ausgeblendet hat. Eine solche Entwicklung führt konsequent in die Unmenschlichkeit.

Würde sich der Mensch nur aus dem Zufall erklären ("Zufall" – was ist das?), dann dürfte keine Lebensphilosophie und kein Lebensentwurf als unzulässig oder gar abartig erklärt werden. Selbst der größte Verbrecher könnte sich auf seine eigene Werteordnung berufen. Eine Abartigkeit kann es wohl nicht geben, wo es keine "Artigkeit" gibt. Doch wo es eine Art gibt, da gibt es auch artgemäßes – also "artiges" – Verhalten, eben nach dem Muster des Schöpfers, der allen Menschen ihre Art gab. Das Urbild des Menschen ist Gott selbst, und der Mensch ist sein Abbild. Das ist die Wurzel der wahren Humanität und die Begründung der Würde des Menschen.


Maria steht für einen neuen Anfang

Was ist nun Menschenart? Gibt es überhaupt eine Norm des Menschseins?
Es klingt paradox: In der Wissenschaft ist es so, dass eine Regel oder ein naturwissenschaftliches Gesetz von der Vielzahl der Ereignisse abgeleitet wird, die man experimentell herstellen kann. Je regelmäßiger die Abläufe, desto sicherer die Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Hier gilt die Regel: je häufiger, desto sicherer.

Aber beim Menschen ist das genau umgekehrt: die Norm des Humanen, das heißt die Wahrheit über den Menschen, finden wir nicht in der großen Mehrheit der Menschen verwirklicht, sondern in einem einzigen Menschen: Maria. Von ihr darf man sagen: sie stellt in ihrer Person die Norm für die gesamte Menschheit dar.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Wenn 80 Prozent der Menschheit unter Karies leidet, ist Karies deswegen nicht die Norm! Würde das dennoch jemand behaupten, würde er sich lächerlich machen. Wenn aber jemand sagt, die Norm des Menschen sei in einem einzigen Menschen verkörpert, der ohne Sünde empfangen wurde, dann erklärt man ihn für verrückt. Die "Karies" der Sünde hat eben alle Menschen befallen: "alle haben gesündigt" (Röm.3,23), - außer Maria.

Um es theologisch zu sagen: der Teufel wusste von Anfang an etwas über die menschliche Genetik, bevor die Forscher des 20. und 21. Jahrhunderts darüber Aussagen machen konnten. Indem er den ersten Menschen verdarb, wollte er das ganze Menschengeschlecht verderben, um so die von Paulus im Kolosserbrief beschriebene Christogenese des Kosmos zu verhindern. Gott aber hat die Genetik des Bösen (Erbsünde) durchbrochen, indem er Maria schuf und mit ihr einen neuen Anfang machte. Maria ist somit das Urbild des neuen und ursprünglichen Menschen geworden.

Als Jesus einmal – mit Hinweis auf die gängige Praxis der Juden ("Mose hat es erlaubt") – gefragt wurde, ob man seine Frau aus der Ehe entlassen dürfe, berief er sich in seiner Antwort auf den "Ursprung": "Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang (im Ursprung) aber war es nicht so!" (Mt.19,8).

Von diesem "Ursprung" leitet sich die ganze Moral-Lehre des Christentums ab, - und nicht von der statistischen Vorfindlichkeit des Menschen, wie sie sich heute in der Gesellschaft bietet. In der Politik erleben wir, dass Moralität abgeleitet wird von der Mehrheit der Meinungen und der zeitgeistigen Strömung, nicht aber von der Norm des Ursprungs. Für diese "Norm des Ursprungs" steht Maria. Mit ihr hat Gott einen neuen Anfang gesetzt. Insofern ist sie die Mutter aller Lebendigen geworden. An ihr können wir uns ausrichten. Durch sie – das bedeutet Mutterschaft – strömt das wahre Leben in uns ein.


Maria - eine Frau mit Karriere

Einen größeren Karrieresprung hat nie eine andere Frau gemacht als sie: eine niedrige Magd wird zur Königin des Himmels und der Erde. Das klingt wie das Märchen von Aschenputtel, das zur Königin wurde.
Für Feministinnen könnte das ein großartiges Thema sein, - wenn da nicht ein Haken wäre: Maria war keine Emanze!

Marias "Karriere" verlief nicht, wie im Märchen von Aschenputtel, von tief unten durch alle gesellschaftlichen Schichten nach hoch oben. Sie war weder machtgeil noch sozialrevolutionär. Sie hat sich nicht von unten nach oben geschafft. Sie besaß, einfach unreflektiert! die Himmelreich-Haltung, die Jesus in den Seligpreisungen der Bergpredigt verkündete: "Selig, die arm sind vor Gott…!"

Genau betrachtet durchlief Maria keine Karriere, sondern es wurde ihr nur bestätigt, dass der Platz, an dem sie stand, genau der war, an dem der Mensch am größten ist, - weil der niedrigste Platz auf der Erde im Himmelreich der höchste ist.
Im Magnifikat ruft Maria staunend aus: "Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen." (Lk.1,52). Sie sieht alle menschlichen Ordnungen auf den Kopf gestellt, so wie Jesus die Umwertung aller Werte verkündet hat: "Da werden die Letzten die Ersten sein." (Mt.19,30).

Jede echte "Karriere" hat das ewige Leben zum Ziel. Am Beispiel Mariens lernen wir, den Weg zum Leben zu finden. Der Tod verliert sein angstmachendes Gesicht und seinen Schrecken. Der ganze Mensch, Leib, Seele und Geist sind für den Himmel geschaffen.
Tod bedeutet nicht Ende, sondern vorläufiger Abschluss eines Prozesses, der seit der Geburt "Sterben" heißt, und zum "Transitus", zum Hinübergang, in das endgültige Leben wird.

Von Augustinus lesen wir, dass er seine Mutter Monika bei einer Gelegenheit eine große Philosophin nannte. Auf die erstaunte Erwiderung seiner Mutter "ich bin doch ungelehrt und habe keine höhere Schule besucht" antwortete ihr Sohn: "Du bist die erste Frau, die mir im Leben begegnet ist, die keine Angst vor dem Tod hat. Deshalb bist Du eine wahre Philosophin."
Die wahre Lebensphilosophie kennt den Tod als einen integralen Teil des Lebens und sieht in ihm keine zerstörende sondern eine verwandelnde Kraft. Genau das war die Lebensphilosophie Marias.
Augustinus hat diese Erkenntnis in seiner "Civitas Dei" so formuliert: Die irdische Stadt baut sich auf durch "die Liebe zu sich selbst bis zur Verachtung Gottes", die himmlische Stadt baut sich auf durch "die Liebe zu Gott bis zur Verachtung seiner selbst." Hier geht es nicht um Schwarz und Weiß, sondern um Wahrheit und Lüge.

P. Tomislav Pervan ofm, ein bekannter Kroatischer Theologe, schreibt zu diesem Thema: "Das Ziel der Geschichte ist nicht Evolution oder Fortschritt, sondern Umkehr… Alle Pseudoreligionen, wie Technik und Wissenschaft haben sich gegen den Menschen gewendet. Deshalb ist es durchwegs falsch, den Menschen als das Wesen des Fortschritts und des Wachstums zu verstehen." Umkehr zu dem Ursprung, zu den Normen, die Gott gesetzt hat, das ist im christlichen Sinne "normal".

Vor wenigen Wochen erklärte mir ein Unternehmer aus Fulda: wir müssen bei allem Fortschrittsglauben klar unterscheiden zwischen "Wachstum" und "Wucherung"! Was im wirtschaftlich-gesellschaftlichen Leben üblicherweise als "Wachstum" bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit Wucherung. Das allgemein heilig-gesprochene Wirtschaftswachstum ist meist nichts anderes als ein Krebsgeschwür, das sich auf Kosten des gesellschaftlichen Ganzen ausweitet. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate ("Wirtschaftskrise") haben uns das erschreckend vor Augen geführt.
Darf ich hier eine kleine Kritik an den Aufruf unserer Bischöfe zur Bundestagswahl anfügen? Das Hirtenwort bezeichnet die Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise als die "vordringlichste Aufgabe" unserer Gesellschaft. Ist das wirklich die Stimme der Kirche?


Die Verherrlichung des Leibes

Das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel, verkündet am 1. November 1950 durch Pius XII., diente vor allem der Verehrung der Gottesmutter. Zugleich enthält es für uns Heutige die prophetische Botschaft von der Verherrlichung des Leibes.

Der Kirche wurde zu allen Zeiten eine gewisse Leibfeindlichkeit unterstellt. Doch schon im Altertum machte sich die Kirche zur Anwältin des Leibes – gegen die Leibvergötzung. Es gibt sicherlich keine Religion, die so sehr um den Leib des Menschen kreist wie das Christentum! Die Hauptfeste Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Fronleichnam sind allesamt Feste des Leibes Christi. Schöneres kann man über den menschlichen Leib nicht sagen, als das was über Christus, über seine Menschwerdung, sein Leiden und seine Verherrlichung ausgesagt ist.

Schon die frühe Kirche verteidigte die Inkarnation Christi, seine "Fleischwerdung", gegen den manichäischen Dualismus. Im Zusammenhang mit der vehement geführten Diskussion um die Person Christi wurde man auch auf Maria aufmerksam! Die Kirche erkannte: Maria ist die wahre Mutter Gottes; so hat es das Konzil von Ephesus 431 feierlich definiert. Sie hat Gott wirklich einen Leib gegeben und ihre Leibsubstanz in ihren Sohn hinein verschenkt. Der menschliche Leib ist gut, weil auch Christus sich nicht scheute, einen sterblichen Leib anzunehmen.

Insofern ist es merkwürdig, dass man heute gegen das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel Einspruch erhebt. Wird hier nicht eine Schizophrenie offenbar? Ausgerechnet die leib-vergötzende Zeit protestiert dagegen, dass über den menschlichen Leib Größtes und Herrlichstes ausgesagt wird! Die Kirche meint natürlich nicht den Leib an sich, sondern den durchseelten Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes ist!
Genau das macht die Schönheit des Menschen aus. Denn alle Schönheit strahlt von innen! Walter von der Vogelweide, ein Zeitgenosse der hl. Elisabeth von Thüringen, hatte vielleicht die Landgräfin vor Augen, als er sagte: "Liebe macht die Frauen schön, - solches kann leibliche Schönheit nicht bewirken, sie macht nimmer liebenswert."

Die moderne Religion heißt "Gesundheitskult". Die Leibvergötzung heute unterscheidet sich meilenweit von der Hochachtung, die das Christentum dem menschlichen Körper bezeugt. Ich brauch nur das Stichwort "Wellnesskultur" zu nennen.

Die Sexualkunde in der Schule – gelenkt durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – erklärt den Menschen und seine Geschlechtlichkeit nur vom Körper und seinen Trieben her. An der ersten Stelle der Werteskala steht nicht mehr Liebe und Verantwortung, sondern allein die Lust.
Unsere Gesellschaft hat dieses Prinzip so sehr verinnerlicht, dass sie die Sinnhaftigkeit allen menschlichen Tuns nur noch von dem, was Lust macht, ableitet. Pflicht und Verantwortung ist der jungen Generation nicht mehr zu vermitteln.

Dagegen steht die Kirche als Anwältin des Leibes auf. Wenn mich jemand fragt: "Herr Pfarrer, warum verbietet die Kirche Homosexualität, Abtreibung und den Gebrauch von Drogen?", dann pflege ich zu sagen: "Frage nicht die Kirche, sondern frage zuerst deinen Leib! Der gibt dir die Antwort! Denn wenn Du gegen die Gebote Gottes handelst, wirst du seelisch oder körperlich krank." – Solange also die Kirche die Ordnungen Gottes verkündet, tritt sie vor den Menschen für die Menschen ein!

Die Mutterschaft

Noch etwas Wichtiges können wir von Maria für eine künftige humane Gesellschaft lernen: die "Mutterschaft", - ein Wort, das man heute nicht mehr gerne hört. Aber dieses Wort umschreibt genau die einzige und alleinige Berufung des Mädchens von Nazaret. Maria hätte nicht einmal "Hausfrau" als Beruf angeben können. Sie war einfach Mutter. In dieses Wort ist ihre ganze Sendung zusammengefasst.

Das 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes schildert folgende kosmische Vision: Am Himmel erscheint eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond zu ihren Füßen, einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Die Frau schreit in den Wehen einer Gebärenden. Doch da ist zugleich der feuerrote Drache, der darauf lauert, die Frucht ihres Leibes zu verschlingen. Was bedeutet das anderes, als dass die "alte Schlange" versucht die Mutterschaft zu vereiteln? Der Satan weiß: wenn mir das gelingt, dann habe ich die Menschheit verdorben.

Die vielen abgetriebenen Kinder heute sind kein Betriebsunfall oder eine zu vernachlässigende Nebenerscheinung unserer Zivilisation, sondern der apokalyptische Indikator dafür, dass der feuerrote Drache heute voll am Werk ist! Er will die Fruchtbarkeit des Menschen zerstören.
Es geht, damit ich richtig verstanden werde, nicht darum, wahllos Kinder in die Welt zu setzen, es geht vielmehr um die "Spiritualität der Mutterschaft", die das wahre Prinzip der Fruchtbarkeit ist, - und diese wiederum nicht im Sinne eines Fruchtbarkeitskults wie in der Antike und in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern im Sinne einer geistig-geistlichen Fruchtbarkeit!

Ich erinnere hier an eine Begebenheit in den Evangelien. Lukas schildert. wie Jesus zu einer großen Menge spricht. Die Zuhörer sind von seinen Worten tief beeindruckt. Da ruft aus der Menge eine Frau, inspiriert von weiblicher Intuition: "Selig der Leib, der dich getragen und die Brust, die dich genährt hat." Sie will damit sagen: ein solcher Mensch wie Du muss eine wunderbare Mutter haben. Jesus antwortet sehr liebevoll, indem er das Wort nicht zurückweist, sondern auf eine höhere Ebene stellt: "Selig vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen." (Lk.11,27f). Er will damit sagen: das Geheimnis der mütterlichen Fruchtbarkeit ist nicht, dass der Leib einer Frau gebiert, sondern dass sie ein hörendes und aufnahmebereites Herz hat. Von Maria können wir also lernen, was den vollkommenen Menschen ausmacht. Wer das erkennt, der mag voll Freude mit Elisabeth rufen: "Selig, die du geglaubt hast!"

Papst Johannes Paul II hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Frau aus der Menge das Magnificat der Jahrhunderte eröffnet hat: "Selig werden mich preisen alle Geschlechter."

Als Maria auf dem Konzil von Ephesus (431) als "Gottesgebärerin" proklamiert wurde, war den Konzilsvätern klar, dass "Mutterschaft" nicht gleichzusetzen ist mit "Ursprung".
Den hl. Pfarrer von Ars bat einmal eine reliquiensüchtige Frau um ein Autogramm. Sie hielt ihm ein Andachtsbild der Gottesmutter entgegen, das er signieren sollte. Auf dem Bildchen standen die Worte: "Maria, Quelle der Gnaden, bitte für uns!": Der kluge Pfarrer strich mit einem Federstrich das Wort "Quelle" durch und schrieb an seine Stelle "Kanal". Gottesmutterschaft bedeutet also: Maria ist nicht "Ursprung" des göttlichen Sohnes – das ist der himmlische Vater – sondern das offene Tor, durch das die Fülle der Gnade vom Himmel her zur Erde fließen konnte.

Die Mutterschaft geht somit der Erlösung, dem hohepriesterlichen Wirken Jesu, voraus. Ja, man darf sagen, geistliche Mutterschaft geht jeglichem Priestertum in der Kirche voraus. Wo keine geistliche Mutterschaft ist, dort gibt es auch keine Priesterberufe mehr.

In seinem Büchlein "Klarstellungen hat Hans Urs von Balthasar 1971 das Dilemma unserer Zeit so beschrieben: "Die nachkonziliare Kirche hat ihre mystischen – wir dürfen übersetzen "mütterlichen" – Züge weitgehend eingebüßt, sie ist eine Kirche der permanenten Gespräche, Organisationen, Beiräte, Kongresse, Synoden, Kommissionen, Akademien, Parteien, Pressionsgruppen, Funktionen, Strukturen und Umstrukturieren, soziologischen Experimenten, Statistiken: mehr als je eine Männerkirche."

Die Zukunft einer humanen Gesellschaft hängt davon ab, dass wir – auch in der Kirche! –Mütterlichkeit und Mutterschaft als eine humane Spiritualiät neu entdecken. Ich bin sicher: wenn die Priester ihr Amt in dem Sinne verwirklichen würden, wie es der Bundespräsident erklärte, also als Dienstbereitschaft und Hingabe, dann würden die Feministinnen nicht so begehrlich sein, dieses Amt zu übernehmen.

Ich erinnere mich an Gertrud von Le Fort, die in ihrem Buch "Die ewige Frau" dem Gedanken nachgeht, warum es in der Vergangenheit ausschließlich Männer das kulturelle Leben in Europa getragen haben: Dante, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Goethe, Beethoven und Mozart…usw. Sind Frauen also weniger intelligent oder kreativ als die Männer? Die Dichterin kommt bei ihren Überlegungen zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: Dem Mann ist es eigen, seine Begabungen und Potenzen zu aktualisieren. Frauen sind nicht weniger begabt als Männer. Doch ihre Aufgabe ist es, ihre Potenzen weiterzugeben an die folgende Generation.

Wer sich selbst ins Spiel bringen will und sich in Pose setzt, ist für eine humane Welt nicht tauglich. Das bedeutendste Wort, das je in der Welt gesprochen wurde, heißt: "Ich bin eine Sklavin des Herrn." – Maria tat diesen Ausspruch. Das klingt ganz anders als etwa das anmaßende Wort "Der Staat bin ich!" Maria hat, indem sie sich gänzlich zurücknahm, den Weg frei gemacht für die kommenden Generationen, - damit wir heute hier in Aschaffenburg zusammenkommen und uns an den wunderbaren Wahrheiten erfreuen können. Wenn Frauen sich als Männer gebärden und meinen, darin die wahre Emanzipation zu finden, dann haben sie ihr frauliches Wesen völlig missverstanden.

Heute Morgen verfolgte ich aufmerksam die Podiumsdiskussion über "Muslime und Christen". Dabei ist mir klar geworden, dass wir den Muslimen gegenüber kein Argument haben, wenn wir ihrer Religion ein säkularisiertes und aufgeklärtes Christentum entgegenhalten und ihren burka-tragenden Frauen Alice Schwarzers EMMA zu lesen geben!
Wohl hätten die Muslime Respekt vor der christlichen Frau, die sich nicht prostituiert, die ihre volle Würde bewahrt und in dieser Haltung gesellschaftliche Anerkennung fände. Die moderne Frau könnte an allen Fronten stehen – sie müsste nur ihre Fraulichkeit bewahren!

Kürzlich hat eine namhafte evangelische Theologin auf einem Frauentag in Fulda ihre Zuhörerinnen dazu aufgerufen, "Mut zur Macht" zu haben. Auf mich wirkt eine derartige Inszenierung grotesk! Denn die Biographie dieser Frau, wie vieler anderer Frauen im öffentlichen Leben, deren Ehen gescheitert sind, widerlegt ihre eigene Ideologie!

Maria war kein "Machtmensch", - und doch war sie auf die größtmögliche kreatürliche Weise vollmächtig. - Die Hebelwirkung eines Gelenks kommt immer von dem muskel-tragenden Knochen. Dieser verdankt allein der Gelenkpfanne, dass seine Kraft sich entfalten kann. Maria war eben diese "leere Schale" vor Gott. "Siehe, ich bin eine Sklavin des Herrn!" Dies war das vollmächtigste Wort, das je ein Mensch gesprochen hat, vollmächtiger sogar als das Wort des Priesters am Altar. Denn der Priester kann nur aus göttlicher Vollmacht handeln, Maria handelt aus menschlicher "Vollmacht" durch ihre dem Herrn dargebotene Armut. So konnte durch sie die ganze göttliche Kraft zur Vollendung kommen.

Der heilige Pfarrer von Ars, dessen wir in diesem Priesterjahr besonders gedenken, sagt in einer Predigt: "Das Herz Mariens ist so voll Zärtlichkeit gegen uns, dass die Herzen aller Mütter zusammen dagegen nur ein Stück Eis sind." Das sprach er in eine Zeit hinein, die noch mehr mütterliche Menschen kannte als heute.

"Christus" ist Dogmatik "Maria" ist Meditation, In sie, diese wunderbare Frau, müssen wir uns immer tiefer hinein meditieren.

Den Heiligen werden üblicherweise Patronate zugeordnet: dem hl. Blasius die Blasenkrankheit, dem hl. Valentin die Epilepsie, dem hl. Florian die Feuersbrunst. Sicherlich klingt es naiv, wie solche Patronate zustande gekommen sind. Aber es gibt tatsächlich solche "Aufgabenverteilungen" im Himmel. Patronate sind nichts anderes als die himmlische Fortsetzung einer irdischen Berufung, - auf höherer Ebene, mit größerer Vollmacht. So ist Maria auch im Himmel in vollem Umfang Mutter. Ihre Mutterschaft besteht genau darin, was wahres Menschsein ausmacht: Empfangen und Geben. In dieser bleibenden Haltung begleitet sie die Menschheit und die Kirche bis zum Ende der Zeit.

Jede Gesellschaft kann sich letztlich nur "fraulich" definieren, wie im alten Israel das auserwählte Volk als "Tochter Zion" und die neutestamentliche Kirche als "Braut Christi". Wenn wir Männer uns nicht ebenso verstehen, als Empfangende und Gebende, dann üben wir Missbrauch an der Gnade, die Gott uns gegeben hat.

Mit Maria eine humane Gesellschaft gestalten, bedeutet auch, den Weg der Menschheit als einen Umkehrweg betrachten. Hier kommt mir Bischof Johannes Dyba in den Sinn, der einmal sagte: "Wenn jemand an einem Abgrund steht, dann ist jeder Schritt zurück ein Fortschritt." Umkehrweg, das heißt: Karriere und Familie als "humilitas" verwirklichen. "Humilitas" wird üblicherweise mit "Demut" übersetzt, meint aber ursprünglich die Eigenschaft des Humus, des Ackerbodens, der den kostbaren Samen in sich aufnimmt, ihn bewahrt und fruchtbar werden lässt. Diese mütterliche Haltung ist der Kirche überall dort zu Eigen, wo sie sich ausbreitet und fruchtbar ist und viele Ordens- und Priesterberufe hervorbringt.

Vor wenigen Tagen hat unser Heiliger Vater, Papst Benedikt, bei einer Marienwallfahrt in Apulien gewissermaßen eine Zusammenfassung all dieser Gedanken gegeben, die ich hier zu formulieren suchte:
"Darum erstrahlt über dem Meer des Lebens und der Geschichte Maria als Hoffnungsstern. Sie leuchtet nicht aus sich selbst, sondern sie strahlt das Licht Christi zurück, der am Horizont der Menschheit erschienenen Sonne, so dass wir, wenn wir dem Stern Maria folgen, uns auf der Reise orientieren und, besonders in dunklen und stürmischen Zeiten, den Kurs auf Christus hin beibehalten können."

Allerheiligen - Die Dramaturgie des Lebens

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   

 

Allerheiligen
Die Dramaturgie des Lebens

Winfried Abel


Papst Benedikt XVI. hatte vor etwa 11 Jahren, als er noch Präfekt der römischen Glaubenskongregation war, ein vom Bayrischen Fernsehen aufgezeichnetes, sehr bemerkenswertes Gespräch mit dem Generalintendanten der Bayrischen Staatstheaters, Prof. August Everding. Darin kommt der Theatermann Everding – wie sollte es anders sein? – auf die Frage nach dem Dialogischen und der Dramatik in der Geschichte des Menschen mit Gott zu sprechen: wie verhält es sich mit dem Abstieg Jesu in die Hölle? Welchen Dialog hat er dort wohl geführt?

Kardinal Ratzinger macht in seiner Antwort eine bemerkenswerte Feststellung: die Weltsicht des modernen Menschen ist eindimensional geworden. Himmel und Hölle bilden nicht mehr das polare Spannungsfeld, in welchem sich das Leben auf dieser Erde abspielt. Die Erde ist eine von allen jenseitigen Welten unberührte Plattform geworden und wird von den modernen Menschen zur einzigen und in sich abgeschlossenen Wirklichkeit erklärt. Das "Große Welttheater", das noch der spanische Dichter Pedro Calderon de la Barca im 17. Jahrhundert in Szene setzte, das in Goethes Faust dramatisch nachklingt, – also das Drama, das sich auf Erden zwischen Himmel und Hölle abspielt – gibt es nicht mehr. Die Welt ist langweilig geworden.

Doch wenn ich das älteste Buch der Menschheit – die Bibel – aufschlage, finde ich dort das große Weltendrama in allen Schattierungen wieder. Die drei Etagen – Erde, Himmel und Hölle – bilden eine spannende Szenerie, in der das gesamte Weltgeschehen wie auf einer großen Bühne erscheint. Es bedurfte eines großen visionären oder gar prophetischen Geistes, um profane Menschheitsgeschichte – ich denke hier an die Geschichte des Volkes Israels von Abraham bis Jesus – als dramatische Heilsgeschichte, also als Geschichte des Menschen mit Gott, zu deuten. Da ist die Rede von Gottes Herrschaft, von seinen Geboten und Ordnungen, aber auch von Bosheit und Sünde, von Liebe und Gnade. Da sieht der Leser den Himmel offen, zugleich schaut er in die lodernden Höllenfeuer der Tiefe. Die Engel verkünden den Sieg Gottes, die Mächte der Finsternis werden in den Abgrund gestoßen.
Wie das im Einzelnen zu deuten ist, sei zunächst einmal dahingestellt. Immerhin wird der Leser der Bibel eingeführt in eine kontrastfarbene Welt voller erregender Ereignisse.

Zum Allerheiligentag bietet uns die gottesdienstliche Lesung einen Einblick in die "obere" Etage des Weltgeschehens. Die Stelle, die ich hier zitieren darf, entstammt dem letzten Buch der Heiligen Schrift, der "Apokalypse", die auch das "Buch der geheimen Offenbarung" genannt wird. In einer grandiosen, zeitlich nicht einzuordnenden Schau sieht der Apostel Johannes den Himmel in gewaltigen Bildern von größter Dramatik. Er schildert dies mit folgenden Worten:

Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu:
Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.
Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:
Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.
Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.
Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.
Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?
Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. (Offb.7,2-4,9-14).

Hier ist zuerst von einem Siegel die Rede. Noch heute werden Siegel auf Dokumente gesetzt, um sie zu verschließen und zugleich ihre Authentizität zu bestätigen. Was versiegelt ist, kann und darf nicht jedermann lesen. Das "Buch mit sieben Siegeln", - dieses Bild stammt aus der eben zitierten Apokalypse des Johannes -, ist bei uns sprichwörtlich geworden für eine Wahrheit, die nicht enträtselt werden kann, - manchmal auch für einen verschlossenen Menschen, der sein Geheimnis nicht preisgeben will: er ist in Person ein Buch mit sieben Siegeln. Hier in der Apokalypse sind mit dem Bild des Siegels die geheimen Ratschlüsse Gottes gemeint, die kein Mensch mit seinem Verstand erforschen kann, die allein Christus kennt, und die ER den Menschen offenbaren will.

Während das vorausgehende Kapitel (Offb.6) beschreibt, wie Tod und Verderben die Welt heimsuchen, Kriege und Naturkatastrophen die Erde verwüsten und die Menschen in Angst vergehen, - herrscht zur gleichen Zeit auf der "oberen Etage", die hier geschildert wird, himmlischer Friede. Da stehen Tausende und Abertausende, Engel und Menschen, vor dem Throne Gottes und preisen IHN mit Hymnen. Sie tragen strahlend weiße Gewänder, in ihren Händen halten sie Palmzweige als Zeichen des Sieges und des Triumphes über das Böse. Sie kommen aus der großen Bedrängnis. Gemeint ist das irdische Leben, das gerade für diejenigen Verfolgungen und Widerstände bereithält, die sich klar auf die Seite Gottes stellen, die eintreten für Recht und Gerechtigkeit, die sich einsetzen für Wahrheit und Liebe. Alle Menschen, die auf der Erde verachtet und belächelt wurden, stehen jetzt als strahlende Sieger da.

In dem Buch der Weisheit, das etwa fünfzig Jahre vor Christus entstand, liest sich das so:
Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit. Ein wenig nur werden sie gezüchtigt; doch sie empfangen große Wohltat. Denn Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig. (Weish.3,1-5).

Auch in den Augen der modernen Menschen gelten Krankheit, Verfolgung und Tod als Strafe, Vernichtung und Unglück, in Wahrheit führen sie zu Frieden, Ruhm und Unsterblichkeit. Das ist eine völlig andere Botschaft, - oder sagen wir besser: die Kunde von einer neuen Lebensqualität.

Mir steht das Bild eines Teppichs vor Augen, dessen Rückseite ein bunt gemischter Wirrwarr von Fäden ist, ohne Muster und Schönheit. Niemand würde sich einen solchen Teppich so in die Wohnung legen, - bis vielleicht jemand kommt und sagt: "Freund, Du musst den Teppich umdrehen, - erst dann kommt seine kunstvolle Schönheit in all ihren Mustern und Farben zur vollen Wirkung.

Mir scheint, dass heute viele Menschen ihr diesseitiges, verworrenes Leben für die Vorderseite des Teppichs halten und darum schlicht verzweifeln möchten. Sie können die vielen Ungereimtheiten nicht verstehen; alles geht ihnen gegen den Strich …Bis jemand kommt und sagt: "Freund, Du musst die andere Seite betrachten…! Das Umdrehen Deines Lebens-Teppichs führt zur wahren Schau wunderbarer Fügungen und Zusammenhänge." Das griechische Wort für "Umdrehen" oder "Wenden" heißt "katastroph´ä", also "Katastrophe". Unter diesem Aspekt liest sich der Text aus dem Buch der Weisheit ganz anders, - etwa so: "Was andere als Katastrophe betrachten, ist in Wirklichkeit eine Wohltat, es beschert dem Menschen Frieden und Unsterblichkeit."

Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich vor Jahren in der damaligen DDR begegnet bin. Dieser war gläubiger Christ und strotzte von einem ansteckenden Optimismus. Wenn seine eher skeptischen Landleuten ihn fragten: "Warum nimmst du die katastrophale Situation und die Schicksalsschläge deines Lebens so wenig tragisch?", dann gab er zur Antwort: "Wenn ich das Leben nicht mehr aushalte, wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann mache ich es so, wie ich es in meiner Kindheit beim Lesen eines spannenden Buches gemacht habe, - ich blättere erst einmal hinten und lese die letzten Seiten. Und wenn ich dann finde, dass alles gut ausgeht, dann kann ich das aufregende Buch beruhigt vorne weiterlesen. Also schlage ich auch in schweren Stunden die letzten Seiten der Bibel auf und finde dort ebenfalls: Es geht alles gut aus! Seitdem kann mich kein Unglück mehr erschüttern."

Kommen wir wieder zurück zu den drei Etagen. Der Mensch hat die wunderbare Möglichkeit, mit seinem sterblichen Körper auf der Erde zu leben und zugleich mit seiner unsterblichen Seele im Himmel zu wohnen. Während ihn hier noch die Krankheit plagt, hat er dort schon seinen Frieden. Ich bin oft solchen Menschen begegnet, die in ihrem Leben nicht wenig gelitten haben, aber nie aus der Fassung gerieten. Eine schwer depressive Frau sagte einmal zu mir: "Sie können sich gar nicht vorstellen, Herr Pfarrer, welch eine Freude ich in der Tiefe meiner Seele verspüre. Ich könnte manchmal den Menschen auf der Straße um den Hals fallen, obwohl die Oberfläche meiner Seele in Dunkelheit gehüllt bleibt."

Das Fest Allerheiligen nimmt das Schicksal der großen Schar in den Blick, die niemand zählen kann. Zu ihnen zählt die Bibel solche, die auf Erden blutbefleckte Kleider trugen, im Himmel aber mit strahlend weißen Gewändern vor Gott stehen. Das sind nicht nur die von der Kirche offiziell bestätigten Heiligen und Märtyrer, deren Bilder wir verehren, - die uns oft so unerreichbar vorkommen. Nein, es sind die einfachen Menschen, die auf Gott vertraut haben, die sich in der Hoffnung nicht beirren ließen, - auch Sünder, die das "Blut des Lammes" – die erlösende Liebe Christi – rein gewaschen hat von allen Makeln. Das sind die Eheleute, die sich in Geduld die Treue gehalten haben, obwohl ihre Liebe oft angefochten war. Das sind die Eltern, die ihr Herzblut für ihre auf Abwege geratenen Kinder gegeben haben, das sind die schlichten Gläubigen, die wegen ihrer Naivität verlacht und verspottet wurden…

Die Worte "Lebensqualität" und "Selbstverwirklichung" werden unter gläubigen Christen ganz anders buchstabiert als in der heutigen Welt. Lebensqualität ist der Friede des Herzens und Selbstverwirklichung ist die Heiligkeit der Person. Ich wünsche allen, die diese Zeilen lesen, dass sie die obere Etage ihres Lebens nie aus dem Blick verlieren und in allen Zweifeln und Leiden Hoffnung schöpfen können. Denn auch wir dürfen zu der großen Gemeinschaft der Heiligen zählen, die über Leiden und Tod erhaben ist.