Paulina Mariadotter - ein schwedisches Werkzeug Gottes

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   

 

Paulina Mariadotter
Ein schwedisches Werkzeug Gottes

 

Geschichtlicher Überblick
Schweden kam schon im 9. Jahrhundert durch den Benediktinermönch Ansgar mit dem Christentum in Berührung. König Erik (+1160), der als Heiliger verehrt wurde, galt als Schutzpatron Schwedens. Sein Grab war ein viel besuchter Wallfahrtsort. Viele Klöster (Alvastra, Vadstena, Vreta) wurden die spirituellen Zentren des Landes. Die Hl. Birgitta (+1373) gehört zu den großem Heiligen des Mittelalters. Gustav I, der 1523 an die Regierung kam, nahm begierig die lutherischen Ideen von Deutschland auf, zumal sie ihm Zuwachs an Macht über die Kirchen versprachen. So kam es zur Enteignung der Klöster und Bistümer und zur Loslösung von Rom. Bis 2000 war die Schwedische Kirche eine Staatskirche. Der jetzige Bischof von Stockholm, Anders Aborelius, ist der erste Schwede, der seit der Reformation katholischer Bischof in Schweden ist.
Laut einer Umfrage glauben nur noch 23% der Schweden, dass es einen Gott gibt. 15% der Mitglieder der Schwedischen Kirche glauben an Jesus, Ungläubiger sind nur noch Tschechen und Esten.


Die beiden Frauen
Zwei schwedische Frauen sind im Abstand von genau 600 Jahren geboren: die heilige Birgitta (1303) und Paulina, die Marientochter (1903). Die eine war katholisch, die andere evangelisch-lutherisch. Beide werden uns in einer Zeit vor Augen gestellt, in der die Frauen in Gefahr sind, ihre Identität zu verlieren.
"Die geistliche Befreiung der Frau ist eine Sache des Reiches Gottes und keine Frauensache. Es geht um die Berufung der Frau im Plan Gottes" schreibt Schwester Paulina. Dass sie sich "Marientochter" (Mariadotter) nannte, ist kein Zufall. Für sie ist Maria das Ur- und Leitbild der Frau als "ewige Frau" – also auch für heute.

Im Jahre 1988 konvertierte eine Gruppe der von Sr. Paulina gegründeten Marientöchter zum katholischen Glauben, nahmen die Benediktusregel an und gründeten – wenige Kilometer von Vadstena und Alvastra entfernt – ein echtes benediktinisches Kloster, das 1997 eingeweiht wurde. Etwa 250 km nördlich von Stockholm am Vättern-See.
Diese Konversion war keine Abkehr vom evangelisch-lutherischen Glauben, geschah also auch nicht im Zerwürfnis mit den zurückbleibenden Schwestern, sondern wurde ein Modell für die eine oder wieder vereinte Kirche:
Die Marientöchter bildeten eine geistliche Gemeinschaft in zwei Konfessionen.


Kindheit und Jugend
Wie kam es zu diesem denkwürdigen Prozess? Wer war diese Schwester Paulina, die es immer von sich wies, eine "Gründerin" zu sein (sie verstand sich als "Werkzeug des Herrn")?
Am 25. Mai 1903 wurde Gunvor Paulina Norrman als viertes Kind geboren. Ihr Vater Carl Viktor Norrman, ein schwedischer Offizier, starb kurz nach ihrer Geburt. So wurde die kleine Gunvor mit ihren beiden älteren Schwestern und ihrem Bruder von ihrer Mutter Ragnhild liebevoll aufgezogen.
Die Mutter hatte ein sehr weites Herz – nicht nur für ihre eigenen Kinder, sondern für alle Schutzlosen und Hilfsbedürftigen. Sie war Vorsitzende eines örtlichen Wohltätigkeitsvereins. Die kleine Gunvor wollte so gern dabei mitmachen. Die Mutter: "Du kannst einstweilen ein passives Mitglied werden". Gunvor: "Ich will nicht passiv sein!"
Die Familie wohnte inzwischen in Kristianstad. Mit dem dortigen Priester arbeitete Gunvor aktiv in der Jugendbewegung. Als sie 16 Jahre alt war und ihre Konfirmation nahte, stellte sie auf einem anonymen Zettel die Frage, wie man Missionar werde. Am Tag ihrer Konfirmation konnte sie noch nicht wissen, was Gott mit ihr vorhatte. Doch eines wusste sie: sie wollte von nun an Gott und den Menschen dienen.

Nach der Schulzeit bewirbt sich Gunvor um Aufnahme in einem Seminar für Landwirtschaftslehrerinnen, das seinen Sitz in Östergötland hatte. Zu dem Seminar gehörte auch eine Hauswirtschaftsschule, die von Margareta Hasselberg geleitet wurde. Die Begegnung zwischen der Lehrerin und ihrer neuen Schülerin begründete eine lebenslange Freundschaft. Greta Hasselberg war Pastorentochter, hatte ihren Vater oft auf seinen Überlandfahrten begleitet, den Pferdewagen gelenkt und die Gottesdienste auf einer kleinen tragbaren Orgel begleitet.
Nach ihrer Ausbildung siedelte Gunvor nach Linköping über. Dort baute sie einen Beraterdienst für bäuerliche Betriebe auf und organisierte Hauswirtschaftskurse. Sie war viel unterwegs, meist mit dem Fahrrad, und knüpfte bei dieser Gelegenheit viele Kontakte.
Gunvor pflegte während dieser Zeit sehr intensiv den Kontakt zu Greta Hasselberg. Diese bekam damals eine neue Stelle angeboten, nämlich ein Internat für straffällig gewordene Mädchen aufzubauen. Dort sollten entwurzelte junge Frauen nach Verbüßung ihrer Haft ein echtes Zuhause finden. – Da wurde in beiden – Gunvor und Greta – eine Vision geboren: sie wollten Mädchen, die nie ein richtiges Zuhause hatten, einen guten Wiedereinstieg in die Gesellschaft ermöglichen.
Sozialarbeit – damals noch "Fürsorgedienst" genannt – war in den 20-er Jahren verachtet. Gunvor Norrman stieß auf Unverständnis. Sie schrieb damals: mit diesem Schritt "verbaute ich mir meine Zukunftschancen". Am 1. Dezember 1928 traten beide ihre neue Stelle auf einem alten Gutshof in Hornö an: Greta als Vorsteherin, Gunvor als Wirtschaftslehrerin. Dort gab es einen Stall, große Gärten und viel Ackerland, schließlich eine Weberei und eine Wäscherei.
Die Mädchen dort waren zwischen 15 und 21 Jahren alt, manche brachten ihre Kinder mit. Für Gunvor war es klar: diese Mädchen brauchten selbst eine Mutter. Es brauchte viel Geduld und Wärme, um an diese oft verhärteten Seelen heranzukommen.
Zehn Minuten von Hornö entfernt lag das kleine Gut Fỏgelsỏngen. Dort wollte Gunvor ein Haus erbauen, in dem die Mädchen nach ihrer Entlassung bleiben und selbständig arbeiten konnten. Durch wunderbare Fügung erhielt sie das nötige Geld, obwohl sie ihre privaten Studienschulden noch nicht abgezahlt hatte. 1936 konnte das Haus bezogen werden.


Berufung
In diese Zeit fällt ihr Ringen um ihre wahre Berufung. Gunvor Norrman fühlt in sich die Berufung zur Mutterschaft. Sie erkannte den Sinn des Frau-Seins in der Weitergabe des Lebens. Aber sollte es auch eine physische Weitergabe sein? Sie hatte damals die Vision eines Stammbaums mit einem weißen Ast. Eine neue Dimension des "Lebens" eröffnete sich ihren Augen: das Leben Gottes in die Seelen junger Menschen säen. Der "weiße Ast" besagt: jeder muss entsprechend seiner Berufung dem Leben dienen. Bis 1937 "arbeitete" es in ihr, sie machte schwere Krisen durch, – bis sie eines Tages ihr Leben ganz in die Hände Gottes legte, sich zu Seinem Leibeigenen machte, um nur noch den Weg des Gehorsams zu gehen.
Anstoß dazu gab ihr die "Oxfordgruppenbewegung", die der amerikanische Pastor Frank Buchmann ins Leben gerufen hatte. Es war eine im Jahr 1920 in Oxford gegründete Erweckungsbewegung, die eine geistliche Erneuerung in allen Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen bewirken sollte. Später wurde daraus die "moralische Aufrüstung".
Die Methode: in Kleingruppen versammeln, Stille halten, auf Gott hören. Zur Gewissenserforschung gehörten die vier "Absoluten": absolute Ehrlichkeit, absolute Reinheit, absolute Selbstlosigkeit, absolute Liebe.

Gunvor Norrman begann nach diesen Leitsätzen zu leben und praktizierte sie bin ans Lebensende. Am wichtigen wurde ihr Frank Buchmanns Weisung: "Wenn der Mensch horcht, spricht Gott; wenn der Mensch gehorcht, handelt Gott."
Jeder Tag beginnt mit einer "stillen Zeit". Im Mittelpunkt steht ein Wort der Hl. Schrift. Nach der Stille soll jeder mitteilen, was er empfangen hat. Ein Gebet – mit einer Übereignung an Gott – beendet die gemeinschaftliche Runde.
Zu dieser Runde gehörte das Lehrerinnenkollegium in Hornö, sogar einige der betreuten Mädchen. Ein neuer Geist zog ein in die Schule.
Im März 1938 übergab Gunvor Norrman ihren Willen ganz an Gott: von da an sollte ihr Wille ganz eins sein mit dem Willen Gottes.
Schließlich empfing sie im Jahre 1940 – der 2. Weltkrieg war voll im Gange – auf die Frage "welchen Menschentyp braucht Gott gerade in dieser Zeit?" die Weisung von Gott: "Einen Menschen, der nichts Eigenes zu verteidigen hat, weder Karriere noch Eigentum, noch einen persönlichen Wert." Gunvor erkennt: "das gilt mir!"

Aufbruch
Das Jahr 1940 bezeichnet Gunvor Norrman als ihr "Durchbruchsjahr". Sie erkannte, dass sie Hornö verlassen und ihre gesicherte Stellung aufgeben musste. Schon damals stellt sich ihr die Frage, ob sie katholisch werden solle. Doch das kam ihr wie eine Flucht vor.
Ihr Aufbruch ging wie bei Abraham ins Ungewisse: "Am 1. Januar 1941 ging ich hinaus in das Unbekannte, aber unter der Führung Gottes, des Vaters. Ich hatte nur eine Richtschnur: ich würde weiterhin von Gottes Fürsorge leben. Für mich galt nun: Gottes Reich zuerst suchen, und all das 'andere' ist mir auf wunderbare Weise dazugegeben worden."
Mit einer früheren Schülerin und anderen Gleichgesinnten beginnt Gunvor ein Gemeinschaftsleben nach christlichen Grundsätzen zu führen. Weiterhin gilt ihr Leben den straffällig gewordenen Mädchen, die sie aus den Erziehungsheimen herausholen und ihnen eine richtige Heimat geben möchte.
Während einer Krankheit liest Gunvor sehr intensiv die Schöpfungsgeschichte Gen.1-3. Da fällt ihr erschütternd ins Herz: "Es war die Frau, die durch ihren Ungehorsam und ihr Aufbegehren gegen Gottes Willen die Sünde in die Welt brachte. Das ist das Erbe Evas an die Frauen. Das muss ich einfach so hinnehmen. – Aber wo gibt es eine Lösung?"
Da entdeckt sie in de Bibel die Frau, die in tiefem Glauben und in der Einfachheit ihre Herzens sprach: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast."
In diese Hingabe wird der Aufruhr der Frau gegen Gott gebrochen. So wird Maria die Mutter des Erlösers.
Gunvor erkennt: "Die Jungfrau Maria, sie ist Gottes "Neue Frau". Was bedeutet das für mich? Wie kann ich Gottes Neue Frau werden?"
Da sind zunächst die schutzbefohlenen Jugendlichen, die ihr anvertraut werden: "Was suche ich? Gottes Willen und den Weg der Liebe für alle weiblichen Jugendlichen. Gott hat ja zugelassen, dass wir Frauen so frei sind wie  nie zuvor. Wozu sind wir denn frei geworden? Um im Glauben zu handeln, wie Gott es uns zeigt! Dann handelt Gott!"
Mit Greta Hasselberg steht Gunvor in dauerndem Kontakt. Viele Briefe belegen das. Immer geht es darum, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun. Darin liegt die wahre Freiheit des Menschen. Schließlich bemerkt sie: "Die jetzige Zeit braucht keine Sozialreformatoren; sie braucht Gott."
In einem anderen Brief: "Ich stehe jetzt an dem Punkt, an dem ich das Ganzopfer meiner Liebe bringen muss. Ich kann ja nicht davon sprechen, unter den Mädchen die Christus-Liebe zu leben, wenn ich mich nicht selber völlig leer mache und diese Liebesopfer auf mich nehme. Ich will es tun…Ich muss dünn werden, gleichsam ausgelöscht, damit die Menschen nicht bei mir stehen bleiben, statt Christus zu sehen."
An anderer Stelle: "Wir geben uns nicht gerne hin, darum werden auch zu wenig Kinder geboren, sowohl für diese Welt, als auch für das Reich Gottes."
Zu dem "Dünn-Werden" gehört noch eine andere Erkenntnis: "Du musst dein Recht aufgeben, Recht zu haben, auch wenn du das Recht hast, Recht zu haben."
An einem Weihnachtstag im Dom von Linköping hörte sie die Stimme: "Du musst für die Menschen unerreichbar leben, um für mich erreichbar zu sein." D.h. nicht Menschenwille und menschliche Erwartungen sollten ihr Denken und Handeln bestimmen, sondern allein Gottes Wille.


Sendung zu den Frauen
Bei anderer Gelegenheit, als man sich über den furchtbaren Krieg unterhielt – damals bewegte die Schlacht um Stalingrad die Gemüter – fiel es ihr aufs Herz: "Deutschland!" Der Weg sollte nach Deutschland führen…
Ein weiterer Gedanke: "In meinem Inneren liegt eine tiefe Sehnsucht nach der wahren Befreiung der Frau. Diese Freiheit besteht einfach darin, immer von dem Standpunkt Gottes und der Liebe zu leben, zu denken und zu handeln." Ihr war klar: "Die geistliche Befreiung der Frau ist eine Sache des Reiche Gottes, keinesfalls eine Frauensache. Es geht um die Bestimmung des Platzes der Frau im Plan Gottes."
Gunvor hat – bei aller Ungewissheit über den weiteren Weg – einen klaren Entschluss: "Ich will Gottes Werkzeug sein. Und dazu muss ER mich immer mehr leer machen dürfen."
Die Frauenfrage lässt sie nicht los: "eine glaube ich klar erkannt zu haben: den Weg der neuen Frau und des neuen Menschen durch Hingabe und Verwandlung hin zum wahren Leben des neuen Menschen." Das bedeutet: "Gott verwandelt den Willen, so dass wir Seinen Plan und Seinen Willen wollen. Gott verwandelt die Gedanken so, dass ER durch uns schaffen kann. Gott verwandelt die Gefühle so, dass wir leiden und uns zur Erlösung hin gleichsam durchleiden können. In dem Maß, in dem ich wahrhaft leiden kann, kann ich an der Versöhnung der Völker mitwirken."

Frank Buchmann hatte zu Beginne des 2. Weltkrieges unter dem Titel "Moralische Aufrüstung" gesagt: "Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Weltordnung. Wir haben noch nicht die Schleusen für die mächtigen, schöpferischen Kräfte geöffnet, die sich bei Gott finden."
Kommentar von Gunvor Norrman: "Damit ein neuer Frauentyp heranwachsen kann, einer der sein Leben nicht in Relation zum Mann, sondern zu Gott (!) setzt, das heißt die Schleusen öffnen."
Die "neue Ordnung" geht nur über die Einheit der Christen: "sie sind das Wichtigste: Einheit und Liebe. Und ich weiß heute ganz gewiss, dass ich und meine Freunde nicht im Geist der Zersplitterung arbeiten."
Gunvor Norrman und Greta Hasselberg entdecken immer mehr ihren gemeinsamen Weg.
Immer wieder fällt ihr "Deutschland" auf die Seele: "Die männerlosen Frauen Europas sind eine Not. Haben wir eine Botschaft für sie? Ich weiß, dass ich sehr bald nach Deutschland gehen muss. Haben wir in Schweden eine Gruppe von Frauen, die bezeugen kann, dass nicht das ganze Leben zerstört ist, nur weil man keinen Mann bekommen kann, kein eigenes Heim und keine Kinder hat? Das ist die lebenswichtigste Frage momentan. Hier werden wir Frauen vor ein neues Denken gestellt."
Die innere Stimme sagt ihr: "Geh über Dänemark nach Deutschland!"
Dänemark und Deutschland
Im September 1945 fuhr Gunvor auf Einladung von einer Bekannten nach Kopenhagen in Dänemark. Dort wurde sie einer Witwe vorgestellt, die alleinstehende Frauen um sich sammelte, ihnen z.T. in ihrem Haus Wohnung bot: Else Wolf. Diese hörte begierig zu, wenn Gunvor von ihren Erkenntnissen und Erfahrungen berichtete. Später bekannte sie: "Ich hatte eine Berufung, aber sie war ohne einen Inhalt, den ich leben und weitergeben konnte. Nun erhielt sie einen Inhalt."
Else Wolf sollte eine ihrer treuesten Gefährtinnen werden.

Langsam kam es zu einer Loslösung von der Oxfordgruppe, die im Sinne der "Moralischen Aufrüstung" durchaus positive, aber andere Ziele verfolgte. Gunvor bat im Gebet um rechte Erkenntnis: "Endlich durfte ich erahnen, dass es ein Herz gab, Jesu Herz… Und dieses Herz lebt und schlägt für uns und will uns alle umfassen…. Ich habe einen Ort gefunden, dieses Herz, in dem alles Platz hat, und darum will ich mit meiner Teilaufgabe, die Frauenwelt nach dem Plan Gottes zu befreien, auch hierher (Dänemark) kommen."
In Dänemark fand Gunvor "Deutschland", denn dort gab es etwa 300.000 Flüchtlinge aus Ostpreußen und den Ostseeprovinzen, die vor den Russengeflohen waren. Es gab viel zu tun, um diesen armen Menschen zu helfen.
Durch eine wunderbare Fügung fand sich ein Haus am Flensburger Fjord. Sie sammelt Frauen um sich, die das Leben mit ihr teilen. Gunvor, Greta und Elsa finden immer mehr zusammen.
Damals verfasste Gunvor das folgende Gebet:
Herr Jesus Christus, ich überlasse mich Dir heute mit meiner ganzen Lebenskraft, mit all meinen Gedanken und all meiner Arbeit. Ich überlasse mich Dir, um in Liebe zu leben, in Bedeutungslosigkeit, im Horchen und Gehorchen, ja, um Dir in der Kraft Deiner Auferstehung zu dienen, mein Herr und mein König.

Eine Frage bewegt sie: "ob dieses Leben der Ganzhingabe ohne direkten sozialen Einsatz in unseren Lutherischen Kirchen überhaupt möglich ist?"
In all dem Ringen, in all den Dunkelheiten hatte Gunvor eines Nachts die Erfahrung: Jesus Christus ist da! "ER selbst gab mir Seine Mutter zur Mutter. Ich konnte nur mit einem Gebet antworten: Heilige Mutter Gottes, bitte für mich, Maria, bitte für uns alle Frauen, dass die Wahrheit, das Licht und die Liebe uns näherkommen."
Von da an fühlte sie sich als "Mariadotter" (Marientochter). Die drei Frauen erkannten ihren gemeinsamen Weg, den sie den "Evangelischen Marienweg" nannten.
"Ja, Christus ist so unbekannt, weil Maria, Seine Mutter, so unbekannt ist.
O Gott, erbarme Dich über unsere protestantische Vernunft, die immer meint. mit Recht ein kontrollierender Faktor für unseren armen Glauben zu sein.
Es ist Phantasieglaube, an die Kraft in und durch Christi Kreuz und Auferstehung zu glauben, ohne zugleich auch daran zu glauben, dass seine Mutter sowohl Jungfrau als auch Mutter war. Die Offenbarung Gottes beginnt schon beim Gruß des Engels. Wollen wir an Maria, der Mutter Gottes, vorbeigehen? Will ER mich nicht auch für Seinen Erlösungsplan gebrauchen? Sollte ich da nicht so einfach und gläubig sein wie Maria? – ER will geoffenbart werden!
Genau deshalb müssen wir auf der 'weiblichen Linie' leben, auf der Linie Mariens. ER will nur eines: dass das Leben in und durch männerlose, gläubige Marientöchter geoffenbart wird. Maria, die Mutter Gottes, war die neue, vollkommene Frau Gottes."


Vision
1950: Die Idee eines Klosters keimte in ihr auf: "Klosterleben. Es ist kein Kloster, aber klösterliches Leben mitten in der Welt, das es so überzeugt und demütig zu leben gilt, dass die Männer der Kirche eines Tages erkennen, dass dieses ganz dem Herrn geweihte Leben ein wahrhaftiger Teil der lebendigen Kirche ist."
"Ich merke, wie es mich danach zieht, irgendwo geistlich daheim zu sein, und zwar in jenem christlichen Zusammenhang, der 'die ganze Wahrheit' besitzt."
Aus der "Arbeitsgruppe" von Frauen soll eine Gemeinschaft werden, die nicht mehr bloß sozial helfen will, sondern sich ganz hingibt an das Werk der Erlösung.

"Die Emanzipation der Frau darf nicht mehr so einseitig verlaufen wie bisher, nämlich nur rein äußerlich… Setze ich also dem sozialen Einsatz der Frauen für eine bessere Welt meine Hingabe entgegen?... Die größte Not ist nicht die soziale. Die tiefste Not der Menschen liegt nicht im Hunger, nicht im Mangel an Haus und Heim, - …nein, die heutige Not ist die des kalten Menschenherzens, des selbstgenügsamen Herzens."
"Da es um das Leben geht, nicht um Wirksamkeit, kann die Erweckung der Menschen ganz leise vor sich gehen, mit der Kraft des Sauerteigs."
Gunvor spricht vom "Leben unter dem Schleier" (~Gertud von Le Fort), vom Leben im Verborgenen.
"Da ist meine Berufung, ja, meine Klosterberufung. Die Not der Welt ist die Not der Frauenwelt (~Gertrud von Le Fort)… Die Frau ist frei; aber nicht, um zu tun, was sie will, sondern um das zu tun, was Gott will."
"Frau, oh Frau, bleib stehen! Horche nach innen auf dein eigenes Herz, lass dich vom Leben berühren und dich von ihm zum Dienen führen – eine Magd (Sklavin) Gottes zu werden, nicht mehr eine Sklavin der Menschen. Wenn wir Gott zuerst dienen, dann werden wir auch den Menschen in reiner Absicht dienen."
"Wie abstoßend das auch klingen mag – es ist die Aufgabe der Frau: wir müssen Jungfrauen mit Öl in den Lampen werden, die auf die Ankunft des Herrn warten."
"Und ich – Gunvor Paulina – bin die Erste, die jetzt in diese neue Kongregation eintritt. Alles ist unbekannt, aber darum kann auch nur Gott selbst leiten und erziehen."

"Lange habe ich mich damit beschäftigt, warum ich als Protestantin geboren bin… Ich bin geboren, getauft und konfirmiert in der Lutherischen Kirche. Ich hatte keine Wahl. Aber ich bin auch mit einer tiefen und schmerzhaften Sehnsucht nach der Einheit der Christen gebo¬ren.
Diese Sehnsucht wird nicht dadurch gestillt, dass ich katholisch werde… Ich muss so selb-ständig in Gott bleiben, dass ich wirklich in der Stellung vor Gott bleibe. in die ich gerufen bin…. Das und nur das ist meine wichtigste Aufgabe im Dienste der Einheit in Christus, auf dass alle eins seien."
Um die drei Frauen sammelt sich ein Kreis von ebenso Entzündeten, die sich hatten anstecken lassen. Ein hartes Ringen begann. Paulina sagte manchmal auf die Frage, warum das Leben in Liebe und Einheit so schwer sei: "Tja, ihr wollt es wohl haben, aber nicht sein." Eine Schwester bekennt: "Wir wollten nicht, dass es uns etwas koste. Wir wollten nicht leiden."
Paulina erkennt das am Schicksal der Frauen, die sich ihr anschließen: "Dieses gemeinschaftliche Leben heißt wirklich in Christus sterben, in Wahrheit!, so dass das Eigenleben stirbt und ein Wir-Leben in Christus aufersteht, - das ist das Geheimnisvolle."
"Wie Maria zu sagen 'ich bin die Magd des Herrn', - das ist der springende Punkt, das ist die enge Pforte, die zu jenem Tod führt, der zum Leben führt."
Warum dauerte der Prozess, eine Gemeinschaft zu werden, so lange?? Sr. Paulina zu den Schwestern: "Ich bin dadurch sicher geworden, denn so konnte man sehen, dass es das Werk des Herrn ist, - ihr konntet nämlich nicht fortgehen."
Hundertmal leichter wäre es gewesen, wenn Sr. Paulina in eine schon bestehende (katholische) Gemeinschaft eingetreten wäre. Sie musste also mühsam den Weg – in der lutherischen Kirche – dorthin finden.
Schließlich tat sich auch die Grenze nach Deutschland auf, das war 1952. Ein kleines Heim entstand in Flensburg, schließlich auch in Schleswig. Beide Häuser hatten nicht lange Bestand.
Die Annahme, dass die deutschen Frauen, die ihre Männer verloren hatten bzw. (durch den Kriegsverlust) keine Männer fanden, auf der Suche nach Sinn und Ziel des Lebens den Dienst der Schwestern begrüßen würden, wurde enttäuscht. Die meisten fragten nach materieller Unterstützung: "Für die meisten Menschen in Deutschland wurden der Wohlstand, die materielle Sicherheit und das Wirtschaftswunder wichtiger."
Schließlich wurden die Schwestern nach Trier geführt. Hier lag alles in Trümmern. Sie fragten sich, wozu Gott sie wohl dorthin geführt habe. Als sie in die Basilika St. Mathias besuchten, fanden sie ein Marienbild, das Maria mit dem Kind unter ihrem Herzen zeigte. Das traf sie selber ins Herz. Sie erkannten: "Wie Maria, die einst Jesus zur Welt gebracht hat, müssen auch die Marientöchter Christus in die Welt hineintragen."
In Trier entstand eine Niederlassung. In Trier gab es viele Klöster. Nonnen und Mönche belebten das Straßenbild. Die Schwestern durften z.T. an deren Leben teilnehmen: "Hier gab es etwas Sichtbares und Greifbares, etwas bereits Etabliertes und für gut Befundenes. Und wir – wir waren gar Nichts! Wir gehörten einer Kirche an, die die Klöster abgeschafft hatte."
Die Versuchung kam auf, dorthin zu flüchten, wo es bereits etwas gab.
Hier beschäftigten sich die Schwestern intensiv mit verschiedenen geistlichen Strömungen: Charles de Foucauld und die Kleinen Brüder, Taizé..etc.
Nun wurde es den Schwestern wichtig, ihr unbedingte Ja zu Christus unter einen kirchlichen Segen zu stellen.
Das geschah am 16. Juni 1958 in dem kleinen Städtchen Bov in Dänemark: Sr. Paulina und sechs Schwestern wurden gesegnet, ein Jahr später die übrigen 13 Schwestern. So waren es genau 20 Schwestern. Von nun an trugen die Schwestern auch eine einfache Tracht aus blauem Stoff. Die Schwestern lebten damals sehr arm, fast ganz von Spenden abhängig.
Sr. Paulina: "Der Herr sorgt für den, der sich in Seinen Dienst stellt."
Sr. Paulina definiert "Armut, Keuschheit und Gehorsam" auf neue Weise: "Es geht um den Menschen, der nichts zu verteidigen hat, weder Karriere noch Eigentum oder einen persönlichen Wert. Es geht um ein Klosterleben mitten in der Welt."


Vallby
Im Jahre 1957 hörten die Schwestern, dass in der schwedischen Heimatgemeinde Vallby das Altenheim geschlossen werden sollte. Für die Schwestern ein Wink des Himmels: hier sollten sie sich ansiedeln. Tatsächlich konnten sie das Haus erwerben.
Am 2. Juli 1958 kam Sr. Paulina Mariadotter nach Vallby. Gerade an diesem Tag legte ein Restaurator in der Kirche von Vallby ein spätmittelalterliches Gemälde frei, das eine Rosenkranzmadonna zeigte. Sr. Paulina: "Die Mutter des Herrn hat ihre Anwesenheit in Vallby deutlich bekräftigt."
Noch ein weiteres Bild wurde freigelegt: ein Kreuz mit einem Herzen darauf (vgl. Gewand der kleinen Brüder und Schwestern von Charles de Foucauld). Genau an dieser Stelle hatte Sr. Paulina zu Beginn der 40er Jahre das Zeichengeschaut, das sie auf alle ihre Brief machte: das gekreuzigte Herz. Hier wurde ihr noch einmal eindrücklich bekräftigt: unter diesem Zeichen stand ja ihr ganzes Leben.
Wir erinnern uns an Gunvor Norrmans frühe Erkenntnis: "Endlich durfte ich erahnen, dass es ein Herz gab, Jesu Herz… Und dieses Herz lebt und schlägt für uns und will uns alle umfassen…. Ich habe einen Ort gefunden, dieses Herz, in dem alles Platz hat…"
Bald darauf wurde die Vision eines Klosters vom Heiligen Herzen (Heliga Hjärtas Kloster) geboren.
Im Gebet empfing Sr. Paulina die Weisung für ihr Leben: "Leben des Schweigens, Leben der Jungfräulichkeit, Leben der Einheit mit Christus, Leben in Klausur und darin ein Leben inniger Hingabe, Leben der Anbetung, Leben der Fürbitte, Leben des Lobgesangs."
Niederlassungen der Schwestern gab es inzwischen in Schweden, Dänemark und Deutschland. In den 60er Jahren trennten sich die drei Gründerinnen: Sr. Maria Margaretha Hasselberg blieb in Schweden, Sr. Maria Elisabeth Wolf nach Dänemark und Sr. Paulina Mariadotter nach Deutschland (Trier).


Vadstena
Im Jahre 1963 wurde den Schwestern eine weitere Weisung gegeben: Vadstena. Trier wurde aufgelöst. Die Mission dort war zu Ende. In Vadstena wurde ein Haus gefunden. Sr. Paulina traf dort im November 1965 mit drei Schwestern ein. Ein Teil der Zukunftsvision war, dass aus dieser Niederlassung eines Tages ein Kloster des Heiligen Herzens hervorgehen sollte. Die Gemeinschaft wuchs, so dass der lutherische Bischof von Linköping erstaunt frage: "wie kommt es, dass ihr so viele seid?"

Die Aufgabe der Gemeinschaft (ihre Mission)
1. Dass Jesus Christus im Leben jeder Frau Herr und Erlöser werden darf.
2. Die Berufung der Frau zu verbreiten: Leben zu tragen, Leben weiterzugeben, Leben zu behüten.
3. Die zwei Wege der konkretisierten Liebe aufzeigen: Ehe oder geweihtes Leben. Weitergabe des Lebens braucht eine Familie – auch für Alleinstehende (sie sollten mindestens drei sein).

Für das Gemeinschaftsleben galten die Grundsätze:
 Maria, die Mutter des Herrn, ist meine und unsere Mutter (Glaube und Gehorsam).
 Alles für Jesus durch Maria. Alles für Jesus durch mich.

Vadstena wurde weiterhin ausgebaut, um mehr Schwestern aufzunehmen und um offener zu sein für Gäste. Viele junge Frauen kamen dorthin, um Urlaub zu machen, ein Wochenende mitzuleben oder der Gemeinschaft beizutreten.
Folgenden Grundsatz prägte Paulina Mariadotter den jungen Schwestern ein: "Gottes Natur ist, dass ER aus nichts etwas macht. Darum: wer noch nicht nichts ist, aus dem kann Gott auch nichts machen."
Die beiden Mit-Begründerinnen starben: zuerst Sr. Maria Elisabeth Wolf, dann – 1972 – Sr. Maria Margaretha Hasselberg. Letztere sagte am Ende ihres Lebens: "Es braucht eine Ewigkeit zu danken, dass der Herr mich zu diesem Leben berufen hat."

1960 empfing Sr. Birgitta ihre Berufung in der Blauen Kirche in Vadstena. Diese trug von Anfang an in sich die Gewissheit, dass ihr Weg eines Tages zum Heliga Hjärtas Kloster führen sollte. Diesen Namen hatte Paulina Mariadotter ebenfalls im Jahre 1960 empfangen. Einige Schwestern mit der gleichen Berufung scharten sich um sie in Vadstena. Diese Idee, die sie mit Sr. Paulina teilte, sollte anhand einer "klassischen Klosterregel" verwirklicht werden. Die Regel des hl. Bendikt bot sich an, wie sie Sr. Paulina in den 50er Jahren in Trier kennengelernt hatte.
Die Frage stand im Raum: "Ist ein Klosterleben in unseren evangelisch-lutherischen Kirchen möglich?"
Die Antwort war: "Wir müssen in jene Kirche gehen, in der wir Teil eines etablierten Ordens werden können, wir müssen uns der lebendigen Klostertradition der katholischen Kirche anschließen." Nicht "Trennung" sondern "Teilung" war der Gedanke, - vor allem Kontinuität!
Was zunächst wie "Trennung" und "Spaltung" aussah, erkannte Sr. Paulina als "Vollendung": eine Gemeinschaft in zwei Konfessionen – über die Grenzen hinweg!
An Sr. Birgitta: "Das marianisch-benediktinische Leben wächst nun in Vadstena. Ihr brecht nicht aus etwas heraus. Euer Schritt ist das Leben weiter – in die römisch-katholische Kirche hinein…"
Ihr weiter Kirchenbegriff: "Dieser Kirche gehört der Evangelische Marienweg an – ob wir nun orthodoxe, römisch-katholische oder evangelisch-lutherische Christen, Methodisten, Freikirchler oder andere sind. Die Kirche Jesu Christi auf Erden muss mannigfaltig sein! Denn Gottes 'Persönlichkeit' kann keine menschgliche Gemeinschaft erfassen."
"Nach 400 Jahren Widerstand gegen ein klösterliches Leben der Hingabe dauert es für jeden Einzelnen lange, von innen her das Licht anzunehmen…"

1988 erfolgte die Konversion der Schwestern von Vadstena. Die Umkleidung der Schwestern geschah 1989 in der Abtei Unserer Lieben Frau in Varensell. Die Verbindung zu diesem deutschen Benediktinerinnenkloster war wichtig, um das benediktinisch-monastische Leben kennenzulernen.
1997 wurde das Heliga Hjärtas Kloster in Omberg – zwischen Vadstena und Alvastra – eingeweiht.
Die Schwestern wollen in der schwedischen Diaspora Brückenbauer sein. Das Gebet um Einheit und Versöhnung und deren Verwirklichung im eigenen Leben sind ihnen ein wichtiges Anliegen. Sie bieten ihr Gästehaus als einen Ort der Stille und der Begegnung an, der vor allem auch Frauen Selbstfindung und die Entdeckung der eigenen Berufung in Kirche und Gesellschaft ermöglichen soll. Für Menschen, die eine helfende Begleitung bei der Orientierung für ihr Leben und ihren Glauben suchen, steht auf Wunsch eine Schwester zu Gesprächen zur Verfügung.
Die Aufnahme von Gästen, eine Kerzenwerkstatt sowie ein kleiner Buch-und Kunstladen dienen den Schwestern als Lebensunterhalt.
1970 übersiedelte Sr. Paulina Mariadotter endgültig nach Vallby, - von 1977 – sie war inzwischen 74 Jahre alt –an war sie immer krank. Am 27. März 1985 starb sie in Vallby.


Ihr "Testament"
Gelegentlich eines Abschieds zu den Schwestern in Vadstena: "...Ihr seid wenige und seid arm, und das ist mein Testament für euch: Bleibt arm! Ich freue mich, dass ihr arm seid und schwach, denn wenn wir schwach sind, dann sind wir stark – in Gott!... Lasst die Ordenstracht nicht zu etwas werden, das ihr bloß anzieht. Lasst sie euch zu einer ständigen Erinnerung werden: jetzt habt ihr euch selbst ausgezogen – jede von euch… Wir sollen mitten in der Welt leben, - mitten in der Welt… Ich lasse euch in der Vaterhand Gottes zurück. Das soll aber Jesus nicht wegnehmen. Auch ich verdecke ihn nicht, nicht einmal wenn ich hier stehe… Ich liebe euch alle gleich viel. Ich kann jetzt nicht für euch beten, ich bete ja immer für euch – ich werde auch im Himmel für euch beten."

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